Eltern-Ersatz vom Amt

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
07.11.2014
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Ihre Biografie ist oft schon zerstört, bevor sie richtig begonnen hat. Mit steigenden Flüchtlingszahlen kommen auch immer mehr Kinder und Jugendliche alleine hierher und die Behörden müssen in die Eltern-Rolle schlüpfen.

(zm) Heimat, das sind für sie nur noch Erinnerungen an Somalia, Eriträa, Ghana, Afghanistan oder Syrien. Zuhause sind sie derzeit im Ernst-Naegelsbach-Haus in Sulzbach-Rosenberg. 13 junge Menschen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, die die weltweiten Flüchtlingsströme nach Deutschland gespült haben, sind momentan im Landkreis untergekommen. Gerechnet wird absehbar mindestens mit einer Verdoppelung dieser Zahl.

Das sei eine bloße Vermutung, "wissen tut das keiner", sagt Jürgen Hahn. Für den Leiter des Kolping Bildungszentrums Amberg-Sulzbach hat die aktuelle Entwicklung ein neues Betätigungsfeld erschlossen. Als freier Träger in der Kinder- und Jugendhilfe übernimmt sein Haus Amtsvormundschaften für "unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" - so die Amtsbezeichnung - soweit der Landkreis für sie zuständig ist. Es ist sozialrechtliches Neuland in Bayern, dass diese hier gestrandeten jungen Flüchtlinge der Jugendhilfe zugeordnet werden.

Mit Edwin Dotzler und Ute Schieder stellt das Kolping Bildungswerk zwei Sozialpädagogen, die sich hauptberuflich der 13 im Ernst-Naegelsbach-Haus lebenden jugendlichen Flüchtlinge annehmen. Für drei von ihnen ist Dotzler formell bereits als Amtsvormund bestellt worden. Die grundsätzliche behördliche Verantwortung liegt beim Kreisjugendamt. Bei der Wahrnehmung der daraus erwachsenden Aufgaben bedient es sich Dritter, wie beispielsweise Schieder und Dotzler.

Ein paar Probleme mehr

Sie beschreiben ihre Aufgabe als Amtsvormund denkbar einfach: "Wir machen das Gleiche, was Eltern machen." Wenn sie im nächsten Atemzug allerdings von Schule, Gesundheitsfürsorge, Deutsch lernen, Berufsausbildung, gesellschaftlicher Integration, Asylverfahren oder der Hilfe zum Verarbeiten nicht seltener Traumata sprechen, mag man nur erahnen, was da zu bewältigen ist. Bei zum Teil enormen Verständigungsproblemen. Die beiden Sozialpädagogen beschreiben die von ihnen betreuten jungen Menschen durchweg als ausgesprochen zielstrebig und integrationswillig.

Sie hätten vereinzelt mehrjährige Fluchtwege mit längeren Zwischenetappen zur Finanzierung des nächsten Schrittes hinter sich, oftmals auch schreckliche Erlebnisse als eigentliche Antriebsfedern der Flucht. Der Gruppe im Naegelsbach-Haus, so Dotzler, hätte kaum etwas Besseres passieren können, als die vom Landratsamt unbürokratisch geschaffene Möglichkeit eines qualifizierten Deutschunterrichts als Schlüssel zu einem ganz normalen Leben hier. Mehr wollten sie eigentlich auch nicht. Und Fußball spielen natürlich auch.

Es tut sich was

Hahn und seine zwei Mitarbeiter wissen sehr wohl, dass sich ihre Arbeit, die kaum ohne eine gewaltige Portion persönliches Engagement erledigt werden kann, sich in einem nicht immer einfachen Kontext öffentlicher und politischer Meinungen abspielt. Für das Kolping Bildungswerk, das seit Jahrzehnten im Problemfeld der Jugendhilfe tätig ist, stellt das kein Novum dar. Hahn meint jedoch, ein breites Umdenken - speziell auch, was die jungen Flüchtlinge betrifft - auszumachen. Mit der Demografie-Debatte wachse das Bewusstsein, auf junge Menschen angewiesen zu sein. Das öffne auch das Denken, als Wirtschaftsnation um Einwanderung nicht umhin zu kommen. Die entsprechenden Anstöße von Berufs- und Branchenverbänden oder Handwerkskammern sei hier sehr hilfreich, mutmaßen Hahn und die beiden Sozialpädagogen.

Hilfreich für sie und ihre aktuelle Arbeit mit den Flüchtlings-Jugendlichen seien jedoch auch ganz banale Dinge. Eine Gitarre vielleicht, einer der Betreuten wünsche sich Hanteln, weiß Schieder. Für derartige Sachspenden oder auch kostenlose Übersetzungs- oder Betreuungsdienste seien sie jederzeit (Edwin Dotzler, Telefon 09 62 1/914 569 106) aufgeschlossen. Das gilt als freier Träger (Kolping Bildungszentrum, Telefon 09 62 1/914 569 0) für Geldspenden ebenso.
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