Enge Klosterzelle nicht ihr Ding

Mit seinem Vortrag vermochte Dr. Matthias Stadelmann eine zwar zeitlich ferne, aber in ihrem großartigen Wirken heute brandaktuelle Frau einem zahlreichen Publikum nahezubringen. Bild: lm
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
24.10.2015
5
0

Es war ein würdiger Schlussakkord: Rund vier Wochen lang ließ die Pfarrgemeinde St. Marien mit einem noblen Programm die Geschichte der 250 Jahre alten Klosterkirche St. Hedwig nachklingen. An ihrem Gedenktag stand die Patronin selbst im Fokus eines Festvortrags: als "Brückenbauerin in Schlesien".

Ein Glücksfall, dass die Herzogstadt den Historiker Dr. Matthias Stadelmann in ihren Mauern birgt, einen Lehrstuhlvertreter für Osteuropäische Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er verstand es glänzend, die Persönlichkeit dieser mit den Sulzbacher Grafen verwandten Adelsfrau aus Andechs im Kontext ihrer aufgewühlten Zeit und eines schillernden Sippen-Komplexes zu porträtieren.

Fern und fremd

Dabei bekannte er eingangs mit dem evangelischen Theologen Walter Nigg (1903-1988), dass über Heilige besser Dichter als Historiker schreiben und sprechen könnten. Dies gelte bei Hedwig umso mehr, als die wenigen Lebensberichte über sie erst posthum entstanden seien - zum Teil mit dem Ziel, ihre (1267 erfolgte) Heiligsprechung zu fördern. Zugleich schilderte der Dozent die Schwierigkeit, in eine für uns Heutige derart ferne und fremde Zeit wie das ausgehende Hochmittelalter einzutauchen.

Die um 1174 in eine der mächtigsten Fürstenfamilien ihrer Epoche Hineingeborene habe ihre besondere Prägung zu christlichem Engagement wohl während ihrer Schulzeit bei den Kitzinger Benediktinerinnen erfahren, so Stadelmann. Um 1186 - just um die Zeit, da die Sulzbacher Grafen ausstarben - habe das blutjunge Mädchen wider Willen den späteren Herzog Heinrich I. von Schlesien heiraten müssen.

Größtmögliche Distanz

In der Folge habe Hedwig zwar sechs bis sieben Kinder mit ihrem Pflichtgemahl gezeugt, sei ansonsten aber auf größtmögliche Distanz zu ihm gegangen. Dafür habe sie sich umso mehr der Frömmigkeit und Sozialpflege zugewandt. Bereits 1209 sei sie in das wohl auf ihr Betreiben hin errichtete Kloster Trebnitz gezogen. Dort habe sie fast wie eine Nonne gelebt.

Obwohl vom Schicksal hart verfolgt, habe Hedwig ihr grundfestes Gottvertrauen nie verloren: 1238 starb ihr Mann im Kirchenbann, 1241 durch angreifende Mongolen ihr einzig noch lebender Sohn; auch ihr Heimatschloss wurde zerstört.

Extreme Askese

Hedwigs Berufung aber überstrahlte alles Leid: "Der Friede der Christenheit war ihr Antrieb" formulierte Stadelmann. Die von Bayern nach Schlesien Gezogene wollte Brückenbauerin ein: Der Dozent schilderte, wie sie mit ihrem Mann Siedler aus Sachsen nach Schlesien rief und dort fruchtbare bi-ethnische Traditionen begründete. Extreme Askese lebend, wollte sie sich im Einsatz für Arme und Kranke verschenken und christliche Kultur vielfältig fördern.

Als "integre, fromme, gegenüber Gott demütige, im Weltlichen jedoch selbstbewusste, ja dominante Frau" schilderte der Wissenschaftler die Andechserin. "Eine enge Klosterzelle war nicht ihr Ding - sie liebte die Entscheidungsfreiheit; Hedwig war Fürstin und Heilige zugleich, kein weichgespülter Gutmensch." Stadelmann zitierte Papst Johannes Paul II., der Hedwig einmal als "Grenzgestalt zwischen deutscher und polnischer Nation" bezeichnet hatte, als "Fürsprecherin einer wechselseitigen Verständigung und Versöhnung". Das nationale Gezerre später hätte sie nicht verstanden, so der Historiker.

Kräftiger Applaus

Mit seinem kaum eine Schulstunde dauernden Vortrag vermochte der Referent eine zwar zeitlich ferne, aber in ihrem großartigen Wirken heute brandaktuelle Frau einem zahlreichen Publikum nahezubringen. Kräftiger Applaus bewies, dass seine Worte auf interessierte Ohren getroffen waren.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.