Gedicht schwört tödliche Rache

Das Gedicht von Hugo Fürst ist eher emotional als literarisch wertvoll, aber es wurde gedruckt verbreitet. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
24.12.2014
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Weihnachten, das Fest für den Frieden auf Erden? Nicht im Ersten Weltkrieg. Wie hier der Tod von acht Soldaten kurz vor dem Heiligen Abend 1916 in Kampfesrhetorik umgemünzt wurde, zeigt ein Gedicht, das sich im Landkreis auf zwei unterschiedlichen Wegen erhalten hat.

"Weihnachten im Felde" ist das Werk überschrieben, das der Infanterist Hugo Fürst verfasst und am 28. Dezember 1916 auf der Weihnachtsfeier der 12. Kompanie des bayerischen Landwehr-Infanterie-Regiments 8 vorgetragen hat. "In den Vogesen" ist als Ort angegeben, und dort dürfte sich auch das Ereignis abgespielt haben, das Fürst in seinem Gedicht wiedergibt:

Acht Mann verschüttet

Zwei Tage vor Weihnachten liegen Soldaten in ruhiger Stellung und denken schon an die Ablösung, als französischer Beschuss ihrer Gräben einsetzt. Ein Volltreffer lässt einen Stollen einstürzen, in dem sich acht Mann befinden. Ihre Kameraden graben mit allem, was sie haben, können die Verschütteten aber nur noch tot bergen. "Auf dem Felde der Ehre sind sie alle gefallen!!", hebt der Text im Fettdruck hervor. Und weil der Feind "in furchtbarer Rache gehandelt" und dadurch die Weihnachtsfreude der Deutschen "in Trauer verwandelt" habe, "drum wollen wir schwören", fordert Fürst: "Ausharren - standhalten - kämpfen und siegen! / Bis all' unsere Feinde unterliegen / Und hoffen - und wünschen - es sei uns beschieden, / Für unsere Opfer - ein dauernder Frieden!!".

Also keine Zweifel am Sinn des Krieges, denn die könnten einen angesichts des grausamen und sinnlosen Todes von acht Kameraden ja auch beschleichen. Stattdessen der Schwur, dass Frieden erst gemacht wird, wenn alle Feinde geschlagen sind. "Siegfrieden" hieß diese Vorstellung damals, und sie war Ende 1916 bei den Strategen in der Heimat wesentlich populärer als bei den Frontkämpfern, die schon durch mehr als zwei Jahre an Gräueln gegangen waren. Vielleicht erklärt das auch, warum das Gedicht von Fürst gedruckt wurde (in München) und damit ja offensichtlich für eine weite Verbreitung vorgesehen war. Denn künstlerische Gründe hatte das sicher nicht.

Warum die Wut?

Unverständlich ist, warum Fürst sich so empört, dass die Stellung seiner Kompanie beschossen wird. Schließlich war Krieg. Oder hatte er mit einem informellen "Weihnachtsfrieden" gerechnet? Den hatte es 1914 an vielen Frontabschnitten gegeben (siehe Infokasten), 1916 kam er aber praktisch nicht mehr vor. Eher dürfte Fürst wütend gewesen sein, weil eine Einheit, die ansonsten kaum Verluste hatte, ausgerechnet kurz vor Weihnachten diesen Schlag hinnehmen musste.

Denn ansonsten war es in den Vogesen (Elsass) ab Ende 1915 eher ruhig. An diesem einzigen gebirgigen Abschnitt der Westfront lagen sich französische Gebirgsjäger und bayerische Truppen gegenüber. Letztere hielten die Kammlinie, und das Gelände war für eine größere Schlacht so ungünstig, dass trotz aller französischen Angriffe keine bedeutenden Veränderungen der Kampflinie mehr gelangen. Die deutschen Generäle wurden zwar nicht müde, vor einem Überraschungsangriff zu warnen, erkannten Ende 1916 aber auch: "Andererseits gab auf dem größten Teile der Front das Waldgebirge der Vogesen der Abwehr immer noch eine erhebliche natürliche Stärke, wenn auch der Stellungsbau infolge dauernd völlig unzureichender Arbeitskräfte sehr zurückgeblieben war."

Noch zwei Exemplare

Das Interessante an dem Gedicht ist aus lokaler Sicht, dass seine gedruckte Form sich im Landkreis an zwei Stellen unabhängig voneinander erhalten hat. Zum einen bei Brigitte Wischniowski in Rieden. Dort hat es die Familie mal auf dem Dachboden in einer Kiste gefunden. In der hatte der Großvater von Brigitte Wischniowskis Mann Herbert mehrere Erinnerungsstücke an den Krieg gelagert, unter anderem ein Schwert. Der Großvater hieß Andreas Graf und war Kanonier im 3. bayerischen Fußartillerie-Regiment. Er wurde am 21. August 1914 schwer verwundet und starb 1945, mit 49 Jahren, an den Folgen der Verletzung. Er soll das Gedicht von seinem Bruder Lorenz Graf, ebenfalls Soldat im Weltkrieg, oder einem Freund aus seiner Kompanie zugeschickt bekommen haben.

In Vogesen gekämpft

Die zweite Überlieferungslinie endet bei Werner Luber in Bernricht (Gemeinde Edelsfeld). "Das hat mein Vater Georg aus dem Krieg mitgebracht", erzählt er über das gedruckte Gedicht. "Mehr weiß ich nicht darüber, aber in unserer Familie ist immer alles aufgehoben und nichts weggeschmissen worden." Die Kriegserinnerungen von Georg Luber sind im Band 42 der Zeitschrift "Der Eisengau" veröffentlicht. Sie belegen, dass Luber zwar in den Vogesen im Einsatz war, aber nicht in dem von Fürst genannten Regiment und auch nicht im Dezember 1916.

Wenn auch Luber ein Exemplar des Gedichts bekam, dann dürfte es damals ziemlich populär gewesen sein. Unklar bleibt freilich, ob Leute aus der Region Amberg im Landwehr-Infanterie-Regiment 8 Dienst taten. Es war 1914 in Germersheim aufgestellt worden, einer Stadt bei Speyer, damals linksrheinisches Bayern. Dennoch wäre es möglich, dass Amberg-Sulzbacher zu den acht Toten gehören, über die Fürst schreibt. Das würde erklären, warum es hier gleich zweimal auftaucht, während in der riesigen Internet-Sammlung von Erinnerungsstücken aus dem Weltkrieg (www.europeana1914- 1918.eu) einzig die von Werner Luber eingestellte Version zu finden ist.
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