Geschichte des Erzbergbaus
Untertage in Gottes Hand

Aus dem Jahr 1958 stammt dieses Gruppenbild aus dem Revier I "Karoline".
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
17.08.2012
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Über Jahrhunderte hinweg prägte der Eisenerzbergbau das Leben in und um Sulzbach-Rosenberg. Seine größte Blüte erreichte er, als sich die Maxhütte hier ansiedelte. Seit dem Erlöschen des Sulzbach-Rosenberger Eisenerzbergbaus 1977 bewahrt der Bergknappenverein die uralte Tradition. In seinen Reihen finden sich auch die letzten Zeitzeugen. Im dritten Teil unserer Reihe steht heute der Annaschacht im Mittelpunkt der Betrachtungen.

Die Jahre 1952 bis 1967 sind eng mit dem Namen des damaligen Bergwerkdirektors Franz Beckenbauer verknüpft. Zu dieser Zeit war absehbar, dass die Erzlager Etzmannsberg, Fromm und Karoline, für die als Hauptförderschacht der Klenzeschacht zur Verfügung stand, bald erschöpft sein würden. Deshalb nahm die Bergbauleitung als nächstes die Erschließung des Grubenfeldes St. Anna mit den Feldesteilen Galgenberg und Schützenhaus in Angriff.

Zentrale Schachtanlage

Die verschiedenen Erzkörper mit ihren überschaubaren Vorräten einzeln aufzuschließen, war wirtschaftlich nicht vertretbar. Stattdessen sollte eine zentrale Schachtanlage errichtet werden. Dieser St.-Anna-Schacht sollte nach der Konzeption der Bergbaudirektion nicht im Erzkörper, sondern außerhalb davon niedergebracht werden.

Das Abteufen begann 1954. Die damit beauftragte Fremdfirma kam jedoch gegen die verheerenden Wasser- und Schwemmsandeinbrüche nicht an, so dass die MH-Bergleute diese Aufgabe schließlich selbst übernahmen. Die anhaltenden Schwierigkeiten führten dazu, dass die Anlage erst mit zweijähriger Verspätung, nämlich 1958, fertiggestellt und am Barbaratag eingeweiht werden konnte.
Seine Zentralfunktion sollte der 114 Meter tiefe Förderschacht durch eine unterirdische Verbindung der Erzfelder von Großenfalz über Karoline, weiter bis St. Anna und von dort nach Eichelberg erfüllen. Als schwierig und gefährlich erwies es sich schon, die 2,5 Kilometer lange Verbindungsstrecke zwischen Großenfalz und St. Anna aufzufahren. (Über den vergeblichen Versuch, auch eine Verbindung zum Eichelberg herzustellen, wird die letzte Folge dieser Serie berichten.)

Den beteiligten Bergleuten unvergesslich sind die Schlammwassereinbrüche 1961 und 1964. Den regelmäßigen Förderbetrieb nahm der Annaschacht 1962 auf. Nun konnte der Klenzeschacht stillgelegt und sogar noch das Erz aus dessen Sicherheitspfeiler gewonnen werden. Über die Köpfe der Anwohner hinweg gelangte das im Annaschacht geförderte Erz mit Hilfe einer automatisierten Seilbahn auf dem kürzesten Weg zu den Hochöfen der Maxhütte.

1974 waren die abbauwürdigen Vorräte erschöpft, der Annaschacht wurde stillgelegt. Der Förderturm blieb als Wahrzeichen erhalten.

Zeitzeuge Georg Schaller

Als weiterer Zeitzeuge berichtet Georg Schaller über seine Erfahrungen als Bergmann: "Angefangen habe ich in Klenze, das war 1954", sagt Georg Schaller (78) in der Bühlgasse, der jedoch viel zu erzählen weiß vom Bau des St.-Anna-Schachtes. "Ich war dabei, als wir die Hauptförderstrecke auf der 125-Meter-Sohle getrieben haben und acht bis zehn Meter höher die Wetterstrecke. Außerdem haben wir die Sprengung für die Pumpenkammer gemacht, und dabei ist etwas passiert, was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Wir hatten es gerade krachen lassen, da kam kurz darauf ein Anruf von den Leuten oben vom Schützenhaus: ,So ein Wahnsinn, das ganze Haus hat gewackelt', beschwerten sich die bei der Bergbaudirektion. Das hat ganz sicher gestimmt, denn unsere Strecke ging direkt unter den Gebäuden hindurch. Die Maxhütte hat dann schnell geschaltet und die beliebte Gaststätte und den Schießstand nebenan abgelöst.

Unser wichtigstes Gerät war die Pressluftbohrmaschine mit Lafette. Damit haben wir 1,60 Meter tiefe Löcher gebohrt, mindestens acht, manchmal auch 30 bis 40 Löcher. Dann wurde gesprengt; den Abraum hat der Frontlader aufgenommen und nach hinten in den Wagen gekippt. Waren acht bis zehn Wagen voll, fuhr die Lok damit zum St.- Georg-Schacht, der zugleich noch als Wetterschacht für Karoline und als Notausstieg diente.
Die Vortriebs-Strecke wurde mit Beton ausgespritzt. Wurde mit Schienen ausgebaut, wog jeder Meter 50 Kilo, und die Schienen waren 2,20 bis 2,40 Meter lang - das ging in den Rücken! Stießen wir auf schlechtes Gebirge, kam es stattdessen zum Ringausbau.

Mit Druckluft abgeteuft

Abgeteuft wurde der Annaschacht mit Druckluft, um die Gefahr von Wasser- und Schwimmsand-Einbrüchen zu vermindern. Das bedeutete für die Kumpel unter Tage zwar mehr Sicherheit, aber auch eine große Erschwernis.

Damit unsere Lungen den hohen Druck überhaupt aushalten konnten, mussten wir zur Anpassung vor dem Ein- und dem Ausfahren immer erst in die Druckkammer. Wer zu früh rauskam, kriegte große Probleme."

Überhaupt befanden sich die Männer untertage bei ihrer Arbeit "in Gottes Hand", waren ständig Gefahren ausgesetzt. "Ich war Bergmann von 1954 bis 1977", sagt Georg Schaller dazu. "In dieser Zeit gab es 15 Tote, die meisten durch herabfallendes Gestein oder hereinbrechenden Schwimmsand. Der schoss mit solcher Wucht in die Baue, dass es die Ausbauschienen verbog."
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