In der Mundart geborgen

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
11.03.2015
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Zugegeben, ein Preiß hätte gar nichts verstanden. Aber selbst ein Niederbayer wäre wohl an der Sprachbarriere gescheitert. Sulzbach-Rosenberger Dialekt ist nichts für Auswärtige, ein eng begrenztes Idiom, für den Fremden schon fast eine Geheimsprache. Dieter Radl ist deren ungekrönter König. Und sein Volk sehr zahlreich. Das bewies der jüngste Mundartabend.

"Wäis is, wäis woar, a weng durchs Joahr": Dieser Artikel über die radlsche Lesung im Capitol, das sei vorausgeschickt, wird sprachlich nur echten Eingeborenen zugänglich sein.

Denn kaum jemand weiß etwa in der Nachbarschaft, was "dussäiad" oder "drammhapert" ist? Das Publikum im lange ausverkauften Saal war fachkundig: ausschließlich ältere Generation, ausschließlich einheimisch, ausschließlich Radl-Fans.

Romantisch begann er, der ehemalige Rektor, vorgestellt von Altbürgermeister Gerd Geismann. Er schwelgte in romantischen Winterimpressionsgedichten, kam zum Blasiussegen. Und zum einzigen Versprecher: "Zwei gekerzte Kreuzen", da musste er selber lachen und marschierte gleich zum Kinderfasching. Er als Komantsche beim Iberer neben der Kirche - köstlich. Auch die Osterbrunnen aus Franken streifte er. Tenor: Einfacher ist oft schöner. Und dem Wasser is wurscht.

Aber dann ging es nach Broinbrunn. Herrlich seine Beschreibung des Bacherls mit den sieben Quellen, aber auch der Frühlingsfestbesuch des Halbwüchsigen in den 50er Jahren erweckte Heiterkeit: Wenn alle zum Feuerwerk nach draußen stürzen, schnell ein paar herrenlose Maß austrinken.

Höhepunkt Annabergfest

Ein poetischer Bauerngarten birgt ebenfalls Mundart-Perlen: die Kannesbierla hinterm Hanichlzaun. Und wenn Radl das sommerliche Barfußgehen im Baatz beschreibt, nach dem Krieg durchaus normal, dann seufzt das Publikum und raunt "Des woiße a nuu!". Überhaupt erfuhr der Dichter stete Zustimmung während des Vortrags. Orte, Personen, Rituale sind den Älteren durchaus bekannt. Höhepunkt des ersten Teils: Eine Hommage ans schönste Fest überhaupt weit und breit, das Annabergfest, die einmalige Stimmung dort oben: "Bisd sowos findst, mousst orch weit gäih, des Mitanand machts Berchfest schöi!", lautet die Bilanz.

Uli Iberer und Manfred Lehner (richtig, der Volkshochschul-Chef) geleiten Radl mit Bombaradon und Quetschn durch den Abend, als Hauskapelle der VHS. Der Reinerlös fließt ja dem Förderverein zu. Und schon ging es weiter, in die Wouslau bei Iber, da wo die Weiherblaschn schwimmen.

Lautmalerisch und stark

Die Kirwa mit ihren Alkohol-Auswüchsen kriegte ihr Fett weg, die Weiwahaard mid die Stecka entpuppt sich als Nordic-Walking-Gruppe, und am Ende kam der Klassiker vom Preißn, der im vollen Wirtshaus ein blockierendes parkendes Auto moniert und ständig gefragt wird: "Irrdaebba?" Nix verstehn! Der Übersetzer auf Hochdeutsch: "Ich wollte ja nur fragen, obbaebbairrd!" Ach so! Eine derbe Sprache, lautmalerisch, stark und vor allem eigenständig: "Muhackl, verhundskrüpplda!" ist da noch eher zärtlich gemeint.

Und Essen tun wir auch gerne: "Läiwa dick blatzd wäi dirr verreckt!" Die Wäscheleine im Garten als Mundart-Dorado: Glubberln, Irwel, Seckl, Kinnersgwand, a schieders Hemm - jeder im Saal weiß, um was es geht, es ist ja schließlich Alltagssprache. Leider aber stark rückläufig.

Das Stelldichein als Teenager mit dem Lieserl im Sperrsitz, letzte Reih' im (natürlich) Capitol - ein absolutes Muss. Dann kam ein philosophischer erster Schluss. Aufgemerkt: "A Hitschawawl will allawal überd Strouß. Allawal wirds zammgfohrn. Hoamad is, wennsde af wos valoua kaasd."

Jetzt ist aber gut. Nein? "Solle eich nu wos vurlesn? Wennes finn...". Nach drei Kurzgedichten frenetischer Applaus der Gäste, die stolz darauf waren, eine Karte ergattert zu haben. Schöi wors, und zum Dieter Radl ist nur noch zu sagen: "Guad, dass man aaf die grouße Schuul gschickt hom!" Haout se rendierd. Dange.
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