Inklusion? Das ist doch der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne
Behindert ist dann keiner mehr

Die Murmeln nehmen Alexandra Wagner-Öckl und Anja Schneider als Symbol für die Kinder bei der Inklusion: Jede unterscheidet sich von allen anderen, hat ihre Eigenarten, aber deshalb nicht von vornherein einen anderen Wert. Und alle gehören zusammen. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
13.03.2015
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Behinderung? Ja. Und auch nein - weil bei dieser Beschreibung die Frage nach der Grenze zwischen beiden mitschwingt. Und die Inklusion erfordert eine andere Denkweise, sagt Alexandra Wagner-Öckl.

(ll) Die Grundschullehrerin und Schulpsychologin muss sich seit September viel mit dem Thema auseinandersetzen. Sie ist zusammen mit ihrer Kollegin Anja Schneider, Studienrätin im Förderschuldienst und Diplom-Pädagogin, zuständig für die unabhängige Inklusionsberatung im Schulamtsbezirk.

Aber was ist Inklusion dann? "Jeden so annehmen, wie er ist", schlägt Alexandra Wagner-Öckl als Arbeitsdefinition vor. "Gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen" ist eine andere Erklärung, die Anja Schneider gefällt. Also keine Frage nach der Grenze mehr, sondern die Betonung des Gemeinsamen. Und der Bruch mit der Perspektive, die in der Generation vorher den Begriff Integration aufkommen ließ: Er erzeugt das Bild des Fremdkörpers, der in eine Gemeinschaft wohl oder übel aufgenommen werden muss. Anja Schneider setzt das Bild der Murmeln dagegen: Jede unterscheidet sich von allen anderen, hat ihre Eigenarten, aber deshalb nicht einen anderen Wert. Und alle gehören zusammen.

Eltern verunsichert

Man muss sich diese Denkweise vergegenwärtigen, um zu verstehen, wie die Beratungsstelle arbeitet. Sie wurde zum Schuljahr 2014/15 eingerichtet, um die Eltern nicht mit der Frage alleine zu lassen, wo sie ihr Kind am besten unterrichten lassen. Denn in Bayern dürfen die Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder mit Förderbedarf in einer Regelschule, in einer Schule mit Profil Inklusion (also einer Mischform) oder in einem Förderzentrum anmelden. "Das hat bei den Eltern auch Unsicherheit erzeugt", sagt Anja Schneider.

Mütter und Väter, die deshalb zusätzliche Informationen wünschen, können sich an die Inklusionsberaterinnen wenden. "Der ideale Zeitpunkt wäre beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule", sagt Alexandra Wagner-Öckl. Aber auch später gibt die Beratungsstelle gerne über die vielfältigen Möglichkeiten der Förderung Auskunft. Früher war das in der Oberpfalz nur in Regensburg möglich, jetzt geht es vor Ort.

"Die kostenlose Beratung soll vor allem unabhängig und neutral sein", beschreibt Schulrätin Beatrix Hilburger eine der Grundvoraussetzungen. Deshalb arbeiten die beiden Lehrerinnen aus den unterschiedlichen Schularten immer im Tandem und deshalb haben sie ihr Büro im Gebäude des Schulamts. Sie zeigen personelle und sachliche Ressourcen der Schulen auf, Besonderheiten des Schulwegs, Hilfsmöglichkeiten und stehen bei Verwaltungsvorgängen oder Kontaktaufnahmen zur Seite. Die Eltern könnten auch Unterlagen zu ihrem Kind mitbringen, "aber wir machen keine Diagnostik", sagt Alexandra Wagner-Öckl. "Das ist nur eine Beratung."

"Die Entscheidung liegt immer bei den Eltern. Sie müssen auch überzeugt davon sein", verdeutlicht Anja Schneider die starke Position der Eltern in diesem Verfahren.

Die der Schweigepflicht unterliegenden Beraterinnen sehen es auch nicht als ihre Aufgabe an, eine Empfehlung zu geben. Die Eltern seien durchaus in der Lage zu entscheiden, ob ihr Kind in einer Regelklasse mit 23 bis 26 Schülern zurechtkomme (eventuell noch mit Unterstützung durch einen Schulwegbegleiter) oder ob die kleineren Klassen einer Förderschule ihm bessere Möglichkeiten böten.

Keine Sache von Minuten

Oft sei die Entscheidung ein Prozess, der sich über Monate hinziehe, sagt Anja Schneider. "Es lässt sich aber für jedes Kind die passende Möglichkeit finden", ist Alexandra Wagner-Öckl überzeugt.
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