Integration per Fahrradwimpel

Die jungen Flüchtlinge sind stolz: Nach dreitägigem Intensivkurs haben sie die Radfahrprüfung bestanden. Sozialpädagogin und Vormund Ute Schieder (Dritte von links) freute sich genauso wie die Verkehrserzieher der Polizei, Horst Strehl (Zweiter von links) und Johann Treiber (Vierter von links). Bild: gf
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
10.04.2015
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Es war ein hartes Stück Arbeit für Abul und seine Freunde: Drei Tage lang übten die jungen Flüchtlinge im Verkehrsgarten der Rosenberger Jahnschule, um die Radfahrprüfung zu bestehen. Mit der Urkunde der Verkehrswacht bekamen sie vor allem eines: neues Selbstvertrauen.

Polizeioberkommissar Johann Treiber ist der Verzweiflung nahe. "Hallo! Hier wird kein Blödsinn gemacht", ruft er über den Platz. Am anderen Ende des Verkehrsgartens liefern sich die Jungs mit den Fahrrädern gerade ein Wettrennen. "Das ist heute mal ganz was anderes", sagt der Polizist, der seit vielen Jahren Grundschüler die wichtigsten Verhaltensregeln im Straßenverkehr beibringt.

Gefeixe um die Helme

Diesmal hat er keine wohlbehüteten Viertklässler vor sich, sondern junge Männer, die ihre Familien verloren und eine Flucht um die halbe Welt hinter sich haben. "Die sind teilweise in ihren Heimatländern schon mit 14 Jahren Auto gefahren", erzählt Betreuerin Ute Schieder vom Kolpingswerk. "Jetzt sollen sie sich hier auf dem linken Fahrstreifen einordnen und Handzeichen geben." Der Lernprozess beginnt, noch bevor sie sich auf das Rad gesetzt haben. Die Jungs aus Syrien, Ghana, Eritrea und Afghanistan feixen wegen der etwas klein geratenen Fahrradhelme. Dass sie sich zum Radeln solche Plastikschalen aufsetzen sollen, will ihnen nicht so recht einleuchten.

"Wir wissen natürlich, dass da Welten aufeinander prallen", sagt Johann Treiber. "Aber es hilft ja nichts. Die jungen Leute müssen sich an die Regeln, die hier gelten, gewöhnen." Dabei fangen die Verkehrserzieher bei Null an. Vorfahrtsschilder oder Ampeln spielten in den krisengeschüttelten Heimatländern - wenn überhaupt vorhanden - eine eher untergeordnete Rolle. Daheim und auch auf der oft monatelangen Flucht ging es schlichtweg ums Überleben. In Deutschland ist nun auf einmal die Rechts-Vor-Links-Regel wichtig.

"Abstand halten! Handzeichen geben! Gegenverkehr beachten!" Immer wieder ruft Polizist Treiber seine Anweisungen über den Platz. Wenn wieder mal alle auf einmal losfahren und keiner beim Abbiegen nach hinten schaut, eilt ihm Kollege Horst Strehl zu Hilfe. Der Jüngste der Flüchtlinge ist 14 Jahre alt und kommt aus Eritrea. "Er war 11 als er losmarschiert ist", weiß Ute Schieder. "Die Dinge, die er erlebt hat, sind schlimm", sagt sie nur. Über Details will sie aus Respekt vor dem Buben nicht öffentlich sprechen. "Die Jungs sind lernbegierig. Sie wollen ein besseres Leben. Und sie wollen so schnell wie möglich arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen." Noch sind sie auf unabsehbare Zeit im Sulzbach-Rosenberger Ernst-Nägelsbach-Haus untergebracht.

Der Radfahrkurs ist nur ein kleiner Mosaikstein im Bemühen, die Jugendlichen zu integrieren und ihnen eine Perspektive zu bieten. Am zweiten Tag ist von den anfänglichen Kaspereien nichts mehr übrig. "Die Burschen haben den Ernst erkannt", sagt Schieder. Die beiden Polizisten nehmen sie zu einer Stadtrundfahrt mit, zeigen ihnen die gefährlichsten Kreuzungen. "Da ist so manchem ein Licht aufgegangen." Am dritten Tag gibt es für alle dann die Urkunde der Verkehrswacht und ein Stück neues Selbstwertgefühl.
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