Ist das überhaupt noch lässig?

Referentin Heike Kreß referierte im voll besetzten König-Ruprecht-Saal des Landratsamtes über Vernachlässigung. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
02.05.2015
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"Ist es aus Ihrer Sicht lässig, nachlässig oder schon vernachlässigt?" - Mit dieser Frage brachte die Referentin des 9. Forums Frühe Hilfen im Landratsamt Amberg-Sulzbach, Heike Kreß, das Kernproblem beim Thema Vernachlässigung auf den Punkt.

Zum aktuellen Forum Frühe Hilfen der beiden KoKis (Koordinierender Kinderschutz) der Stadt und des Landkreises hatten sich mehr als 160 Fachkräfte angemeldet - so viele wie noch nie zuvor. Unter dem Titel "Vernachlässigt: Formen - Erkennen - Handeln" referierte Heike Kreß, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin am kbo-Kinderzentrum in München, einer Einrichtung, die auf die frühe Diagnostik und Therapie von Entwicklungsstörungen und Behinderungen spezialisiert ist.

Nicht nur körperlich

In ihrem Vortrag ging sie unter anderem auf die Formen ein: Die körperliche Vernachlässigung sei dabei am leichtesten zu erkennen. Die kognitive, erzieherische und emotionale Vernachlässigung dürfe jedoch nicht ignoriert werden. Bei diesen sogenannten Wohlstandsvernachlässigungen seien Kinder und Jugendlichen materiell ausreichend versorgt, erführen jedoch nur wenig emotionale Ansprache und Erziehung durch die Eltern beziehungsweise würden nur unzureichend in ihrer Entwicklung gefördert, so Kreß.

Schwerwiegende gesundheitliche Einschränkungen bis hin zum Tod können laut Kreß beispielsweise Folge von Vernachlässigung sein, aber auch die Entwicklung des Gehirns oder die Fähigkeit zum Beziehungsaufbau könne beeinflusst werden. Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern könne das gravierende Auswirkungen haben, deshalb seien diese besonders schutzbedürftig.

Wie die Referentin weiter ausführte ist das Erkennen einer Vernachlässigung oftmals schwer, da die Bewertung einer Situation immer auch von subjektiven Einschätzungen geprägt ist. Auch könne vom Vorhandensein einer oder mehrerer Risikofaktoren, wie zum Beispiel einer finanziellen Notlage oder eigenen Gewalterfahrungen in der Kindheit der Eltern, nicht auf das Vorliegen einer solchen geschlossen werden.

Kein reines Armutsproblem

Im Umkehrschluss bedeute dies, dass es auch bei Familien, deren Lebenssituation nicht belastet ist, zu einer Vernachlässigung der Kinder und derer Bedürfnisse kommen kann, sagte Kreß. Auch für Fachkräfte ist es laut Kreß deshalb nicht immer eindeutig festzustellen, ob und welche Art vorliegt.

Um diese Ungewissheit zu beseitigen, wurden die Teilnehmer des Forums auf das Angebot der (anonymen) Beratung durch das ansässige Jugendamt, bei dem auch die KoKi angesiedelt ist, aufmerksam gemacht. Zusammen mit den Fachkräften werde hier der Sachverhalt abgewogen und würden Handlungsmöglichkeiten entwickelt.
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