Kindheit unter Kanonendonner

Die alte Aufnahme zeigt von der Nürnberger Straße aus den Blick auf das Sulzbacher Schloss. Die Bahnbrücke wurde am 21. April 1945 gesprengt, einen Tag bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten. Bild: Stadtarchiv
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
22.04.2015
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"Bleibt's daheim, geht's bloß nicht raus", pflegte die Mutter zu ihren Söhnen zu sagen. Doch die Buben hörten nicht. Draußen war es viel interessanter für die Kinder. Und so wurden sie Zeugen, wie die Amerikaner näher rückten und schließlich in die Stadt kamen. Am 22. April 1945 ging hier der Krieg zu Ende.

Siegfried Binder ist Jahrgang 1938, seine Kindheitserinnerungen sind die einer Kriegsgeneration. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war er sieben Jahre alt. Damals wohnte er mit der Mutter und den zwei Brüdern - eine Schwester war 1944 gestorben - in einer Wohnung in der heutigen Karolinenstraße. Den Ratschlag der Mutter, im Haus zu bleiben und ja nicht raus zu gehen, beherzigten die Kinder natürlich nicht. 70 Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner schildert Siegfried Binder, wie er und die anderen Kinder damals auf den Galgenberg marschierten.

Nürnberg bombardiert

Zu diesem Zeitpunkt bombardierten die Alliierten Nürnberg. "Die Flugzeuge flogen bis zu uns raus, drehten hier und flogen wieder zurück nach Nürnberg." Den Feuerschein, der ganz hinten am Horizont zu sehen war, hat Siegfried Binder heute noch vor Augen. Je näher die Amerikaner vorrückten (sie kamen aus dem Westen, also aus Richtung Weigendorf), desto näher kam auch der Kanonendonner. Siegfried Binder war zwar erst sieben Jahre alt, doch schon als Kind wusste er, dass es beim Einmarsch der Amerikaner in Hundheim zwei Tote gegeben hatte. "Das haben wir damals so gehört", erinnert er sich.

Die Tür aufgeschossen

Seine Brüder, er und die Buben aus der Nachbarschaft vernahmen in Sulzbach-Rosenberg die Schüsse vom Lärchenfeld her. Den Bürgern war vorher gesagt worden, sie sollten die Türen offen lassen - doch Siegfried Binders Mutter hatte das offenbar nicht mitbekommen. "Deshalb haben die Amerikaner unser Schloss aufgeschossen", erzählt ihr Sohn nun Jahrzehnte später. Die Kugel trat wieder aus und schlug auf der gegenüberliegenden Seite, wo die Treppe zum ersten Stock war, ein. Als Binders Vater 1947 nach dem Krieg und der zweijährigen Gefangenschaft nach Hause zurückkehrte, ließ er eine Inschrift anbringen: "Ein Ami schoss einst auf die Tür, die Spuren sieht man heut' noch hier."

Siegfried Binder berichtet auch von der großen Siegesparade, die die Amerikaner auf der "Strobl-Wiese", wo sich heute das Einkaufszentrum Fröschau befindet, abhielten. "Da musste jeder hingehen, die Teilnahme war Pflicht." Überall in der Stadt waren die US-Soldaten, sie waren in Gasthäusern, in Turnhallen, aber auch in Privatwohnungen untergebracht, Militärkolonnen schlängelten sich durch die Altstadt und den Pamlerberg hinunter. Wie viele Jungen in seinem Alter suchte auch Siegfried Binder die Nähe zu den Befreiern. Mit gutem Grund: "Sie hatten Popcorn - und gaben uns immer was." Kaugummi oder Schokolade waren ebenfalls sehr begehrt bei den Kindern. Ihnen gegenüber seien die Amerikaner stets sehr freundlich gewesen, betont Siegfried Binder.

Als sich das Leben nach Kriegsende langsam wieder normalisierte, musste Binder wieder zum Unterricht, 1944 war er eingeschult worden. Der heute in Kempfenhof lebende Mann erinnert sich, dass öfters in der Schule die Sirene heulte: Fliegeralarm. Auch die Lehrer wurden zum Kriegsdienst eingezogen.

Siegfried Binder, seine Geschwister und seine Mutter wussten nicht, wo der Vater war. Er hatte an der Ostfront in Russland gekämpft. Doch weil er krank war, kam er zurück nach Deutschland. Als er mit dem Zug von Nürnberg nach Regensburg gebracht wurde, warf er während der Fahrt ein Päckchen ab. Jemand fand es und schickte es der Familie. "Da wussten wir, dass er lebte", blickte Binder zurück, dessen Kindheit geprägt war von den Entbehrungen einer Kriegsgeneration.

Mit Kartoffeln gestreckt

Lebensmittelknappheit ist für ihn kein Fremdwort. "Meine Mutter ist mit dem Rad nach Amberg gefahren, weil es dort Brot gab." Doch statt feiner Zutaten war es mit Kartoffelschnitzel versetzt. Siegfried Binder weiß noch, als er später seine Tante in Nürnberg besuchte - und das Ausmaß der Zerstörung sah. "Im Zimmer waren keine Fenster mehr drin." Binders Ehefrau Herta ist Jahrgang 1943. Sie war bei Kriegsende zwei Jahre alt, hat daran wenige Erinnerungen. Doch ein Ereignis hat sich bei ihr eingeprägt: Wie sie als Zweijährige im Bunker saß, damals im Gasthof Zur Sonne. "Um uns waren viele Leute rum", erzählt sie von diesem Erlebnis, das sieben Jahrzehnte zurückliegt und bis heute so präsent ist.

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