Kliniken in die Pleite getrieben

Im neu gestalteten Empfangsbereich stellten Landrat Richard Reisinger, Autor Klaus Emmerich und Dr. Karl Schellenberger (von links) die Streitschrift gegen das Kliniksterben vor. Bild: gac
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
04.12.2015
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Keine bäuerlichen Betriebe, sondern Agrarfabriken - zum Ausgleich Naturschutzgebiete - statt dem handwerklichen Metzger und Bäcker nur noch Fleischverarbeiter und Backstraßen, statt regionaler Krankenhäuser nur noch Universitätskliniken: Die ländlichen Regionen Deutschlands bluten aus! Eine unrealistische Zukunftsvision?

Nein, das passiert hier und jetzt, sagt Klaus Emmerich, Vorstand der beiden Landkreis-Krankenhäuser, in seinem neuen Buch "Kliniksterben in ländlichen Regionen Deutschlands". "Wir brauchen 365 Tage im Jahr Bereitschaft gerade im ländlichen Raum", stellte Landrat Richard Reisinger bei der Vorstellung des Werks fest.

Freistaat verweigert sich

Nur mit moderner Ausrüstung könnten das St.-Anna-Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg und die Johannes-Klinik in Auerbach bestehen, betonte Reisinger. Deshalb finanziere der Landkreis auch solche Investitionen, zu denen eigentlich der Freistaat verpflichtet wäre.

Kein Ersatz mehr

Die Länder entziehen sich dieser Verpflichtung zunehmend, wie Emmerich im Buch nachweist. Den ländlichen Kliniken in Deutschland fehlten jedes Jahr 2,6 Milliarden Euro Investitionsmittel. So würden grundsätzlich keine Ersatzbeschaffungen finanziert, auch wenn die vorhandenen Geräte aufgrund neuer Bestimmungen gar nicht mehr betrieben werden dürften. Küchen, Büroeinrichtungen, EDV, Telefon, Parkplätze - all das müsse aus Eigenmitteln bezahlt werden. Auf diese Weise würden kleinere Krankenhäuser systematisch in die Pleite getrieben. Zwischen 2004 und 2014 mussten fünf von 16 Kliniken in der nördlichen Oberpfalz schließen - fast ein Drittel. Der Allgemeinarzt Dr. Karl Schellenberger kämpft seit Jahren für den Erhalt der regionalen Häuser. "Es gibt auf dem Land kein einziges überflüssiges Krankenhaus", schreibt er im Vorwort zu Emmerichs Buch.

Derzeit gelten 30 Minuten Transportzeit zur Notfallversorgung im Krankenhaus als zumutbar - was das bei Herzinfarkt oder Schlaganfall bedeute, könne sich wohl auch der medizinische Laie vorstellen, so Schellenberger. Die durch immer schlechtere Personalschlüssel verursachte Arbeitsüberlastung bei Chef- und Oberärzten kritisierte der Mediziner besonders: "Wir müssen unseren Spitzenleuten Freiräume geben, damit die einmal Zeit zum Nachdenken haben." Klaus Emmerich, inzwischen Experte für die Finanzierung kleiner und mittlerer Kliniken, hat das Buch nicht nur für Fachleute geschrieben. Es ist eine gut lesbare Streitschrift gegen das Kliniksterben. Emmerich will, dass die breite Bevölkerung die fatale Entwicklung erkennt, und er ruft die Menschen zum Widerstand auf. "Ihr Recht auf ein Krankenhaus in Ihrer Nähe existiert nicht mehr", stellt er fest.

Mittelfristig müsse bewusst werden, wie wichtig das Gut Gesundheit sei. "Maximale Qualität der Versorgung mit einem minimalen Personalschlüssel - das kann nicht funktionieren. Qualität kostet ihren Preis", schloss der Autor die Präsentation.
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