KZ-Besuch verändert viel

"Erben der Erinnerung" hat der Auto Philip Meinhold sein Buch genannt. Bilder: hka (2)
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
10.11.2015
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Darf man während eines Films über den Holocaust Schokolade essen? Es sich bei einem derartigen Buch im Bett gemütlich machen? "Begriffe wie richtig oder falsch sind für das Gedenken nicht geeignet", sagt Philip Meinhold, dessen Großvater Halbjude war.

Meinhold selber sah sich als Nachkomme der Täter, nicht der Opfer. Eine Familien-Reise nach Auschwitz hat da etwas verändert. Er hat darüber ein Buch geschrieben. Zu einem besonderen Termin - die Reichsprogromnacht vor siebzig Jahren jährt sich in diesen Tagen -, an einem besonderen Ort, der Synagoge, lud "Kultopf" zu einer besonderen Buchvorstellung ein. "Erben der Erinnerung" hat der Auto Philip Meinhold sein Buch genannt, das eine sehr persönliche Erkundung der eigenen Geschichte ist, des Umgangs mit der Nazi-Zeit heute und der Frage, was Auschwitz mit jedem von uns zu tun hat.

Lesung und Weltmusik

Beifall an diesem Abend erhielten Buchhändler Ralf Volkert, der den Schriftsteller und Rundfunkjournalisten Meinhold vorstellte, und die Musiker der Formation "Tri Hudebnizi" für ihre Umrahmung der Lesung mit Weltmusik.

Bei einzelnen Abschnitten aus dem Buch "Erben der Erinnerung" fiel es dem Publikum dagegen nicht immer leicht zu klatschen. Zu düster war oft der Blick zurück in die Nazizeit, wo es in den nationalsozialistischen Rassegesetzen um "Reinhaltung des deutschen Blutes" ging, um "Rassenschande" und die Einteilung jüdischer Mischlinge in unterschiedliche Grade.

Die Reise nach Auschwitz und der Besuch des heutigen KZ-Museums gemeinsam mit ihren drei Kindern und den größeren Enkeln war ein Wunsch der siebzigjährigen Mutter des Autors. Für alle war dieser Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Anlass, sich nicht nur mit dem Holocaust, sondern auch der Familienvergangenheit auseinander zu setzen.

"Das war nicht immer einfach", gibt Philip Meinhold zu. Für die Schwester, die sich im Gegensatz zu ihm selber als Nachkomme von Opfern fühlt, die Enkel, die das Thema eigentlich uncool finden und nur mitkommen, weil die Oma es will, "für uns alle, die über die Familiengeschichte herzlich wenig wissen". Für sein Buch und auch ein Feature im Bayerischen Rundfunk allerdings beginnt der Autor zu recherchieren, sich über den jüdischen Teil seiner Familie zu informieren, Familienmitglieder zu interviewen.

Da kommen dann Theresienstadt und Auschwitz ins Spiel, die, die dort umgekommen sind und die, die überlebt haben. Die Erlebnisse in den Lagern wurden erzählt und weitergegeben, reduzieren sich allmählich auf erzählbare Momente, werden möglichst ganz weggeschoben. Und doch bleiben Ängste. Seine Eltern, so Meinhold, hätten ihn Simon nennen wollen, wurden aber von Familienmitgliedern vor einem jüdischen Namen gewarnt: "So trage ich als Philip Simon die deutsche Vergangenheit in der Reihenfolge meiner Namen mit mir herum".

Keine Betroffenheit

Den Besuch in Auschwitz bezeichnet er vor allem deshalb als wichtig, "weil wir als Familie das gemeinsam gemacht haben". Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit dem jüdischen Teil der Familiengeschichte und dem intensiven Sprechen darüber, habe allen gut getan. Er, der sich immer als Nachkomme der Täter gesehen habe, merkte, "dass sich bei mir etwas geändert hat". Allerdings, so ist seine Überzeugung, könne man von der jüngeren Generation zwar eine Würdigung der Opfer des Nationalsozialismus erwarten, Betroffenheit aber nicht.
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