Laut, heiß, schmutzig - giftig

Die Arbeit in einem Stahlwerk ist hart. Produktion von Eisen unterliegt aufwendigen chemischen Prozessen. Gefahren sind dabei nicht immer mit bloßen Auge sichtbar. Bild: Hartl
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
16.04.2015
19
0

Die Maxhütte ist seit mehr als zehn Jahren Geschichte. Einige Teile des Geländes sind saniert, von giftigen Resten der Stahlproduktion befreit. Anders ehemalige Hüttenarbeiter: Sie tragen wohl noch vielfach die Folgen in sich. Viele sind krank.

"Ich habe nirgends so ein dreckiges Stahlwerk gesehen wie die Maxhütte", sagt Albert Vetter. Und er beschreibt die Schicksale von Kollegen, deren Beerdigungen er in den vergangenen Monaten besucht hat: Männer, Mitte 60, Diagnose: Krebs - in den Knochen, auf der Haut, an den Hoden. Wie viele es sind? Genaue Zahlen gibt es nicht. Es sind aber wohl viele. Vetter kann die Arbeitsplätze aller beschreiben. Er war bis zur Schließung des Werks in Sulzbach-Rosenberg Betriebsratsvorsitzender. Schon zu dieser Zeit gab es eine große Zahl an Krankheitsfällen. Eines Tages kamen drei Kollegen an einem Tag zu ihm ins Büro. Alle verabschiedeten sich in den Krankenstand. Sie hatten Krebs.

Frage der Beweise

Auch wenn Vetter längst in Rente ist - das Werk beschäftigt ihn immer noch. Er, ehemalige Betriebsratskollegen und die IG Metall setzen sich dafür ein, dass ehemalige Mitarbeiter eine finanzielle Entschädigung von der Berufsgenossenschaft (BG) erhalten. Wenn sich eine Krankheit nachweisen lässt, die durch die Tätigkeit in der Maxhütte entstanden ist.

Bilder von Petra Hartl und Alexander Unger



Karl-Heinz Utz war zuletzt Leiter der Sicherheitsstelle und Ansprechpartner für die BG. Früher nahm er für sie Messungen im Werk vor - Lärm, Gase, Staub, Gifte und den Arbeitspuls der Mitarbeiter. Heute arbeitet der Rentner ehrenamtlich. Mehr als ein Jahrzehnt nach der Schließung der Maxhütte hat er immer noch regelmäßig Kontakt zur BG - drei bis vier Mal. Pro Monat. Er fertigt Arbeitsplatzbeschreibungen, zählt Giftstoffe auf, mit denen Beschäftigte konfrontiert waren. Zum Beispiel Teer und Asbest. "Wir hatten ja Schutzkleidung aus Asbest", erinnert sich Utz. Asbest gilt als hitzebeständig und feuerfest. Und schien bis in die 1970er Jahre ideal für eine Industrie, in der mit bis zu 1600 Grad heißem Flüssigeisen hantiert wird.

So berichtet Vetter von Fällen, bei denen Asbestmatten verhindern sollten, dass sich Teerreste in Maschinengruben beim Schweißen entzünden. Oder wo mit mehr als einem Dutzend krebserregenden Stoffen getränkte Eisenbahnholzschwellen illegal in den Stahlwerkskonverter geworfen worden sind - eine Sache, die juristisch geahndet wurde. Einem "Riesencocktail an Giftstoffen" seien die Beschäftigten des Hüttenwerks in Sulzbach-Rosenberg ausgesetzt gewesen, erinnert sich Betriebssanitäter Benno Meier. Teer war vielfach als Schmiermittel im Einsatz. Bei Kontakt mit Wasser bilden sich Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Deshalb darf Teer seit langem nicht mehr im Straßenbau eingesetzt werden. Zuletzt waren diese ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, als das Gesundheitsamt Amberg-Sulzbach im Sommer 2013 dringend die Absage eines Radrennens empfahl. Der Grund: Die Belastung des Geländes mit Schwermetallen - und PAK. Sie können das Erbgut schädigen, Krebs erzeugen oder die Fortpflanzung beeinträchtigen.

Gesundheitliche Schäden, die nicht direkt sichtbar waren, hatten lange keine Bedeutung. "Arbeitsschutz war bis in die 80er Jahre so: Nur wo man Blut gesehen hat", blickt Vetter zurück. Auch viele Gewerkschafter habe man erst sensibilisieren müssen. Die Auswirkungen von Toxinen zeigen sich oft erst Jahrzehnte später. Was die Beweisführung erschwert. Ob etwa Lungenkrebs durch das regelmäßige Einatmen giftiger Stäube im Betrieb oder das Rauchen entstanden ist, lässt sich selten bis kaum eindeutig beantworten.

Akten noch vorhanden

Die Belastung der Maxhütten-Beschäftigten ist vielfach dokumentiert: In Betriebsratsprotokollen, durch Messungen oder in Krankenakten. Vetter berichtet, dass der Betriebsarzt einmal das Blut eines Beschäftigten untersuchen ließ. Man entdeckte darin Blei. Nachweise wie diese können für einen finanziellen Ausgleich hilfreich sein.

Die IG Metall und frühere Betriebsratsmitglieder beraten dazu in Informationstreffen und Sprechstunden. Bisher sechs Veranstaltungen in Sulzbach-Rosenberg waren gut besucht, berichtet Udo Fechtner, 2. Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Amberg. Er sieht darin auch eine politische Dimension. "Es geht nicht nur um die weitere Verwendung des Geländes, sondern um die Menschen." Das sieht auch Albert Vetter so. Obwohl die damals Verantwortlichen bekannt sind, sagt er: "Ich will nicht groß die Keule schwingen. Mir geht's darum, dass die Kollegen die Berufserkrankung anerkannt bekommen."



_________________________________________________________________________________________________

Gifte in der Stahlproduktion

Nahezu alle in der Maxhütte Tätigen waren einer erhöhten Schadstoffbelastung ausgesetzt. Wo Erz zu Eisen geschmolzen und zu hochwertigem Stahl weiterverarbeitet wird, ist nicht nur Feuer im Spiel. Chemiker entwickelten Verfahren, um noch reineren Stahl herstellen zu können. Die Produktion dieser sogenannten Edelstähle erfolgt oft unter Einsatz diverser Stoffe, etwa Chrom(VI)-oxid, Nickel, Phanadium oder Mangan. Am Ende verlassen die Stahlküche Eisensorten, die fast jeder schon einmal in Händen hielt – zum Beispiel als Werkzeug im Hobbykeller.

_________________________________________________________________________________________________
Weitere Beiträge zu den Themen: April 2015 (8563)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.