Lehrreiche Zusammenkunft

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
25.10.2014
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Vor allem die an die Lesung aus seinem Roman "Die Synagoge" folgende Diskussion mit Chaim Noll hatte es in sich. Der israelische Schriftsteller gastierte auf Einladung des Literaturhauses in der Synagoge in Sulzbach.

Dass dies nicht nur ein Haus des Gebets sei, sondern, die griechische Urbedeutung übersetzend, vor allem eines der Zusammenkunft und somit des Lehrens und Lernens, steht auf einer Tafel in der wieder in neuem Licht erstrahlenden Synagoge in Sulzbach zu lesen. Was für ein Motto für eine Lesung aus einem Roman, der obendrein selbst den Titel "Die Synagoge" trägt und der uns, die wir das Glück haben, in postheroischen Zeiten leben zu dürfen, eine Region kennenlernen lässt, in der Krieg scheinbar die Tagesordnung bestimmt. Und genau damit beschäftigt sich Chaim Noll, 1954 in der Hauptstadt der DDR geboren als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll ("Die Abenteuer des Werner Holt" waren als Buch wie als DEFA-Film "drüben" einer der großen Verkaufserfolge), auch in seinem Oeuvre als Schriftsteller.

Kooperieren und profitieren

Seit gut 20 Jahren lebt er mit seiner Familie in Israel - genauer: In einem Vorort der Stadt Beer Sheva, vierzig Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt und in Sichtweite von Sicherheitszaun und Checkpoints - und hat mittlerweile auch die Staatsbürgerschaft gewechselt. Dem Dauerbeschuss durch Raketen radikaler Hamas-Aktivisten begegnet er dadurch, dass er sein Arbeitszimmer in einen bombensicheren Raum hat umbauen lassen. Blickt er Richtung Süden, dann kann er die Wohnorte von Beduinenstämmen sehen, wendet er den Kopf, dann tauchen im Norden die ersten Hügel der Wüste Judäa mit Palästinenserdörfern und einer jüdischen Siedlung auf.

Sein Weltbild ist das Abbild eines differenzierten Ist-Zustands. Die arabische Kultur begegnet ihm nicht nur in Gestalt von Terroristen und Gewalttätern, weil Tausende von Palästinensern täglich die Kontrollanlagen passieren und auf israelischer Seite arbeiten. Die Bewohner der Palästinenserdörfer jenseits des Zauns wie auch die Beduinen auf israelischer Seite kooperieren mit Israel und profitieren von dieser Situation.

Wundersamer Schutzschild

Dass es auch darum in "Die Synagoge" (erschienen beim Verbrecher-Verlag, 448 Seiten, 29 Euro) geht, wird bei der doch sehr langen Lesung der Eröffnungspassage fast zu wenig deutlich. Erst in der anschließenden Diskussion, die natürlich auch um den Gaza-Krieg im vergangenen Sommer kreist, wird Chaim Noll präziser: Dass er in der Berichterstattung deutschsprachiger Medien Differenzierungen vermisst, Hinweise auf die höchst erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung Israels ebenso wie auf gelungene Beispiele des Zusammenlebens mit den arabischen Nachbarn. Und dass der Raketenschutzschirm "Iron Dome" seine Landsleute - und das sind eben nicht nur Juden, sondern auch Araber! - während des Konflikts im Juli und August so wirkungsvoll bewahrte, dass auf israelischer Seite nur wenige Todesopfer zu beklagen waren, grenzt für ihn an ein Wunder.

Die rund 2000 Toten im Gaza-Streifen wiederum seien so zu erklären, dass die dortige Hamas-Führung hohe Opferzahlen aus taktischen Gründen bewusst in Kauf nähme. Auch wenn manche der rund 70 Zuhörer solchen Erklärungen nicht folgen wollen: Chaim Noll vermittelt mit seinem Roman- und Erzählwerk wertvolle Einblicke in eine umkämpfte Region der Welt, die uns lehren, unsere Ansichten über Grundbegriffe wie Radikalismus und Toleranz neu zu überdenken.
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