Melancholie zur Tango-Nacht

Ungewöhnlich, aber perfekt dargeboten präsentierten die Tango-Musiker im Seidel-Saal ihre Kunst dem staunenden Publikum. Bild: hka
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
27.10.2014
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Wer das Wort Tango hört, denkt an Tänzerinnen, den Geiger, an Argentinien. Wer denkt dabei an Weiden? Und doch gibt es dort fünf Musiker, die den Tango beherrschen. Es ist jedoch weniger der "Tango Argentino" als der "Tango Nuevo", den Astor Piazolla begründet hat.

Nach der kurdischen Musik jetzt die argentinische: Das Programm der Kulturwerkstatt macht den Seidel-Saal multikulturell. "Tangoprojekt 5 feat" hat es sich zur nicht leichten Aufgabe gemacht, Werke von Astor Piazolla, dem Schöpfer des Tango Nuevo, der Öffentlichkeit vorzustellen.

Sängerin dabei

Normalerweise sind sie vier: Johanna (Violine) und Klaus Luther (Gitarre), Hans-Joachim Grajer (Piano) und Janusz Skutella (Violoncello). Weil der Gitarrist verletzt wurde, spielten nur drei im Seidel-Saal. Seit einiger Zeit aber gibt es einen Neuzugang: Sängerin Andrea "Bibi" Bibel, eine gefragte Vokalistin, die die Chansons der argentinischen Tango-Komponisten überzeugend interpretiert.

Alle zusammen kommen sie aus Weiden und sind Musikpädagogen. Die Musiker spielen seit 2002 zusammen, bieten CDs an, waren und sind erfolgreich wie zum Beispiel beim Internationalen Piazzola Music-Award in Mailand oder auch im Münchner Gasteig.

Ihr Auftakt im Seidel-Saal ist der Herbst, eine düstere Komposition in Moll von Astor Piazolla. Der Schöpfer des Neuen Tango war ein argentinischer Bandoneon-Spieler und Komponist. Er hat im 20. Jahrhundert den traditionellen Tango Argentino weiter entwickelt, weitete dessen Harmonie mit Mitteln des Jazz und Anleihen aus der Neuen Musik aus. Viele seiner Tangos sind nicht mehr im traditionellen Sinn tanzbar, sondern in erster Linie Musik zum Zuhören.

Auch im Seidel-Saal wird nur zugehört, das aber mit großem Vergnügen. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente virtuos, ihr Zusammenspiel ist perfekt. Sie verzichten auf das für den Tango typische Bandoneon, nicht aber auf die Spieltechnik der Instrumente im Tango: Bogenschläge auf der Violine, stechende Streicherakzente, kleine Soli und die typischen synkopischen Rhythmen.

Auch das Zuschauen ist schön, vor allem wenn Andrea "Bibi" Bibel am Mikrofon steht. Die Stimme von "Tangoprojekt 5 feat", eine Power-Frau mit stimmlichem Volumen, singt nicht nur Chansons von Astor Piazolla, sondern auch von Carlos Gardel, einem der wichtigsten Tango-Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts.

Spielerische Größe

Gefällig und harmonisch sind Gardels Tangos, die Andrea Bibel mit ihrer sowohl einfühlsamen als auch kraftvollen Stimme singt. Spielerisch wechselt die Weidener Sängerin, seit den 1990er Jahren eine feste Größe in der süddeutschen Musikszene, zwischen lauten und leisen Tönen, singt Tango in verschiedenen Sprachen, erzählt Märchen zur Musik, schildert Liebe und Leid, Revolution und Tod.

Ganz anders die Tangos von Astor Piazolla, einem "Genie des 20. Jahrhunderts". Generell melancholisch, sind seine Chansons beeinflusst von Jazz und zeitgenössischer Musik, greifen aber auch zurück auf klassische Musik. "Maria de Buenos Aires", "Libertango", "Adios Nonino" oder "Oblivion", Andrea Bibel gelingt mit ihrer facettenreichen Soulstimme eine überzeugende Interpretation dieser Lieder.

Was ein wenig fehlt an diesem Abend im Seidel-Saal? Ein paar mehr Informationen: Wer ist wer auf der Bühne? Was steckt hinter den Titeln der Lieder und Musikstücke? Wovon handelt zum Beispiel die Tango-Oper? Unterm Strich jedoch: Die Musik wunderschön, das Ensemble super, eine freundliche Zugabe, ein Abend, der sich gelohnt hat.
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