"Müssten uns selbst anzeigen"

Die Kühe im Stall von Helmut Graf produzieren fleißig Milch, ohne auch nur zu ahnen, dass sie damit zu Überangebot und Preisverfall beitragen. Das Kreisteam des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter - von links: Jürgen Pirner, Georg Rauch, Manfred Albersdörfer, Manfred Bauer und Teamsprecher Helmut Graf - macht sich dagegen ständig Gedanken, wie man wieder auf einen Milchpreis kommen könnte, der die Kosten deckt. Bild: ll
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
13.08.2015
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Sie wollen nicht stänkern. Nicht den Milchpreis kaputtreden, wie ihnen vorgeworfen wurde. Aber dass den Milchbauern das Wasser bis zum Hals steht, darauf dürfen sie schon hinweisen, finden sie. Und auf den Teufelskreis, in dem sie stecken.

Die Rede ist von den Vertretern des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) im Landkreis. Sie haben zum Pressegespräch auf den Hof von Kreissprecher Helmut Graf in Lengenfeld geladen. Die Stimmung ist nicht besonders. Seit der Abschaffung der Milchquote am 1. April ist der Preis für den einstmals als "weißes Gold" bekannten Rohstoff noch einmal gesunken. 30,4 Cent steht auf den Abrechnungen, die vor Helmut Graf liegen.

Schon mal bei 43 Cent

Im Januar 2014 war noch eitel Sonnenschein. Da bekam Graf für das Kilo Milch 43 Cent. Doch dann begann die Talfahrt. Im Dezember waren es noch um die 35 Cent, zum Ende der Quote 31,4.

Prognosen will jetzt keiner abgeben, aber den Verlust an Wertschöpfung, den dieser Preisverfall allein für die Region Amberg-Sulzbach im Jahr 2014 bedeutet (obwohl die Milch im Dezember keinen Deut schlechter war als im Januar), hat Georg Rauch im Kopf: 13,3 Millionen Euro. Alles Geld, das der Milchbauer nie mehr sieht. Dabei produziert er ohnehin schon weit jenseits der Rentabilität. 46 Cent wären derzeit in Deutschland ein kostendeckender Liter-Milchpreis, hat eine unabhängige Kostenstelle ermittelt. Er lag auch schon mal bei 50 Cent, ist aber dann mit den sinkenden Treibstoffpreisen zurückgegangen.

"Eigentlich müssten wir uns selbst anzeigen", meint Georg Rauch, "weil wir unter dem Mindestlohn arbeiten." Vor allem die mithelfenden Familienangehörigen. Aber wie kann ein Landwirt überleben, wenn seine Kosten nicht gedeckt sind? Manche müssen Grund verkaufen, erzählt Manfred Bauer. "Viele sparen im privaten Bereich, zum Beispiel bei der Altersvorsorge." Leben von der Substanz also. Das Prinzip kennen alle nur zu gut. "Bei uns werden die Probleme immer in die nächste Generation verschoben", sagt Jürgen Pirner. "Die muss das dann tragen."

Und der Export, den die Befürworter der Quoten-Abschaffung als Zugpferd für einen Milchpreisanstieg sahen? Der ist kein Hoffnungsschimmer, meint Manfred Albersdörfer. Die Chinesen, allein aufgrund ihrer schieren Zahl ein begehrter Abnehmer, hätten ihren Import auf den Stand von 2013 zurückgefahren, nachdem dort die einheimischen Milchproduzenten protestierten. Und Afrika? Da zerstöre billig aus Europa importierte Milch die dortigen landwirtschaftlichen Strukturen. Dann könnten die einheimischen Bauern nicht mehr von ihrer Arbeit leben und machten sich auf den Weg in die Städte oder gleich nach Europa. "Wo die EU in andere Märkte eingreift, macht sie die kaputt", ist eine Erfahrung von Albersdörfer.

Keine Chance gegen Bank

Aber wie soll man das Problem innerhalb von Europa lösen, wenn hier der Bauer nur durch gesteigerte Milchproduktion mehr erlösen kann? Die BDM-Leute wollen den "Überlieferern" gar keine großen Vorwurf machen. "Was will einer machen, wenn die Bank hinter ihm steht und die Kreditrate verlangt?" Freiwilliger Lieferverzicht ist also wohl keine realistische Alternative. Da muss dann schon wieder die EU eingreifen (siehe "Mengenmonitoring"). Obwohl es gar nicht um so große Mengen geht, wie Manfred Albersdörfer findet: Eine Mengenschwankung von drei Prozent könne schon einen Preissturz auslösen. Und im Umkehrschluss dann auch eine Stabilisierung.

Die Einzigen mit Risiko

Doch Helmut Graf glaubt nicht, dass die anderen Marktakteure ein großes Interesse an höheren Milchpreisen haben. "Jetzt haben wir den freien Markt und den billigen Rohstoff. Das wollten die schon immer", bemerkt er mit Blickrichtung zum Handel. Der könne durch die Übermengen das niedrige Preisniveau langfristig halten. Die Molkereien setzten dem auch nichts entgegen, findet Manfred Bauer. Warum auch? Sie hätten ja kein Risiko; sinke der Abnahmepreis, bekomme eben der Bauer weniger für seine Milch. Jürgen Pirner sieht das fast schon mit Galgenhumor: "Bei uns geht das mit dem Preiszurücknehmen einfach, weil wir ja beim Preismachen nicht dabei sind." Die Landwirtschaft als das letzte Glied in der Kette also, als derjenige, der seine Kosten an niemand mehr weitergeben kann.

Wobei die deutschen Bauern laut Albersdörfer von vornherein teurer produzieren müssen als zum Beispiel Amerikaner oder Neuseeländer. "Weil wir ganz andere Standards haben, was etwa die Umwelt oder das Tierwohl betrifft." Düngung, Pflanzenschutz, Einsatz von Gülle, freiwilliger Verzicht auf ein umstrittenes Milchhormon, das eine Leistungssteigerung von 20 Prozent brächte - solche Stichworte fallen ihm da ein. "Wir wollen das auch so", sagt Manfred Bauer. "Wir wollen nicht zu den amerikanischen Standards produzieren. Aber das hat eben seinen Preis."
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