Ökumene auf dem Fahrradsattel

Foto aus HUP-Import
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
02.05.2015
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Auch die Reste von St. Martin in Ermhof sind das Ziel der Radfahrer (Route 2). 1979 wurde die Ruine der ehemaligen Simultankirche abgerissen. Erst später stellte sich heraus, dass die Kirche wohl mehr als 1200 Jahre alt war. Bild: hfz
 
Ein Schmuckstück ist das Kirchlein von Niederärndt (Route 3). Das Gotteshaus aus dem 12. Jahrhundert ist dem Heiligen Josef geweiht und gehört Protestanten und Katholiken gleichermaßen. Bild: Hartl

Wer das Verbindende zwischen Katholiken und Protestanten sucht, der wird jetzt auf eine ganz neue Art fündig: Der Radweg zu den Simultankirchen ist fertig. Nächsten Samstag ist Eröffnung.

Der Landkreis Amberg-Sulzbach hat mehrere Alleinstellungsmerkmale. Eines davon ist das Miteinander der Konfessionen. Nirgendwo in Deutschland gibt es auf vergleichbar engem Raum so viele Kirchen, die sowohl von Protestanten, als auch von Katholiken genutzt werden. In Illschwang beispielsweise teilen sich evangelischer und katholischer Pfarrer nach wie vor den Altar. Während die eine Konfession ihren Gottesdienst beendet, bereitet sich die andere auf ihre gleich beginnende Messe vor.

Nicht reibungsfrei

Solche Simultankirchen stehen vor allem im Sulzbacher Land. Der Sulzbacher Herzog Christian August setzte das Nebeneinander der christlichen Glaubensrichtungen in seinem Herrschaftsgebiet im 17. Jahrhundert durch. Eine kirchenpolitische Entscheidung, die in einigen Orten bis heute wirkt. Selten verlief das staatlich verordnete Miteinander reibungsfrei. Katholiken und Protestanten lieferten sich so manches Scharmützel um Ausstattung und Pfründe.

Doch in jüngster Geschichte hat sich das Verhältnis nahezu überall erheblich verbessert. Der Radweg, der nun alle Simultankirchen verbindet, ist ein Ausdruck dieses Stimmungswandels. So feiern Christen beider Konfessionen mit der Eröffnung des Radweges am Freitag, 8. Mai, ein gemeinsames Fest, das Spiritualität und Sport verbindet. "Auch religiös eher ,Unmusikalische' haben ein Gespür für die besondere Wirkung von Kirchen. Unsere Simultankirchen lassen das in besonderer Weise erfahrbar werden", sagt der evangelische Dekan Karlhermann Schötz aus Sulzbach-Rosenberg. "Da kann es schon vorkommen, dass in einer Kirche, die als evangelisch gilt, Weihrauch zu riechen ist."

Der Radweg verbinde nicht einfach nur Orte, sondern in erster Linie Menschen, betont Schötz. "Er verbindet Kirche und Sport. Und vielleicht verbindet er auch Himmel und Erde." Ähnlich äußert sich Domkapitular Norbert Winner (Diözese Eichstätt): "Unsere Kirchen sind Orte der Begegnung mit der Geschichte und eine Anregung zum Gespräch über den Glauben", erklärt er. "Die Einrichtung der Kirchen mit ihren Altären und Taufsteinen ist ein Vehikel der Verkündigung. Deshalb bin ich froh und dankbar, dass der Simultankirchen-Radweg die Gotteshäuser in den Mittelpunkt stellt und sich Kirche dadurch attraktiv präsentiert."

Das Simultaneum

Das Simultaneum im Sulzbacher Land hat eher zur Vertiefung der Gräben zwischen den Konfessionen beigetragen als zu einer Annäherung, wie von Herzog Christian August beabsichtigt. Das erzwungene Miteinander führte zu Streitigkeiten, die sich teilweise ins Absurde steigerten:

Der versperrte Taufstein

Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken versperrten die Glaubensbrüder in der simultanen Stadtpfarrkirche in Sulzbach im 19. Jahrhundert gegenseitig den Deckel des Taufsteins. Das führte dazu, dass in dem Gotteshaus am Luitpoldplatz rund 100 Jahre weder katholisch noch evangelisch getauft werden konnte. Das Simultaneum in der Stadtpfarrkirche endete erst 1957. Seither ist St. Marien rein katholisch. (upl)

Ein Altar zum Kurbeln

Zur Zeit des Simultaneums befand sich an den Chorstufen der Sulzbacher Stadtpfarrkirche ein eigener evangelischer Altar mit origineller Technik: Per Kurbel konnte der katholische Mesner den Oberbau des Altars einfahren, um beim Gottesdienst den Blick auf den rein katholisch genutzten Hochaltar nicht zu versperren. Auch gab es für jede Konfession eine separate Sakristei-Tür. Erst nach der Auflösung des Simultaneums entwickelte sich in Sulzbach eine rege Ökumene. Das "ökumenische Kirchenviertel" aus mehreren evangelischen und katholischen Gebäuden rund um St. Marien heißt heute scherzhaft "Sulzbacher Vatikan". Die Pfarrhöfe sind dort unmittelbare Nachbarn. (upl)

Der Friedhofsbann

Der evangelische Pfarrer von Fürnried betreute auch die wenigen Protestanten im überwiegend katholischen Nachbarort Heldmannsberg, wo es eine katholische Pfarrkirche mit dazugehörigem Friedhof gibt. Wenn dort ein evangelischer Christ aus einer konfessionsverschiedenen Ehe starb, durfte er nicht auf dem heimischen Friedhof begraben werden, sondern fand seine letzte Ruhestätte in Fürnried - getrennt von seinem Ehepartner.

"Das war besonders tragisch", erzählt die frühere Fürnrieder Pfarrerin Heidi Kurz. "Die Eheleute wurden im Tod getrennt - nicht nur auf verschiedenen Friedhöfen, sondern auch in verschiedenen Landkreisen und Regierungsbezirken." Das nicht einmal einen Kilometer entfernte Heldmannsberg gehört bereits zum mittelfränkischen Kreis Nürnberger Land. Erst 1999 war es mit dieser Art von Trennung zu Ende. "Unser katholischer Kollege hat es dann erlaubt, dass auf dem Friedhof auch evangelische Christen bestattet werden dürfen. Das war für uns natürlich ein langersehnte Nachricht." (upl)

Der rollende Altar

Die Kirche von Fürnried ist - neben den Gotteshäusern in Illschwang und Eschenfelden - eine von drei Pfarrkirchen in der Region, die bis heute simultan genutzt werden. Bevor der katholische Geistliche in Fürnried seine Messe zelebriert, schiebt der Mesner einen mit Rollen ausgestatteten Volksaltar an den vorgesehenen Platz. Nach dem Gottesdienst verschwindet der Opfertisch der Katholiken wieder hinter dem Hochaltar. (upl)

Die Pfarrhaus-Verlosung

Nicht nur die Kirchen wurden im 17. Jahrhundert zwischen den Konfessionen geteilt, auch die Pfarrhäuser und die dazugehörigen Grundstücke. Weil Königstein und Eschenfelden nahe beieinander liegen, haben sich die Verantwortlichen eine Lösung einfallen lassen, die sich im Nachhinein bewährt hat. Die beiden Pfarrhäuser wurden nicht jeweils geteilt, sondern einzeln verlost. Das Pfarrhaus in Königstein samt Garten fiel den Katholiken zu, das Pfarrhaus in Eschenfelden erhielt der evangelische Pfarrer.

Proporz auf allen Posten

Alle staatlichen Posten im Herzogtum Sulzbach mussten mit Beginn des Simultaneums mit der gleichen Anzahl evangelischer und katholischer Amtsträger besetzt werden. Das betraf unter anderem die Totengräber, die Nachtwächter, die Ärzte, die Hebammen, die Polizisten (Amtsknechte) und die Förster. Der Riss zwischen den Konfessionen ging sogar soweit, dass es in einigen Orten je einen katholischen und einen evangelischen Braumeister gab. Auch das Essen blieb vom Simultanwesen nicht verschont: Im Sulzbacher Land wird noch heute zwischen evangelischem und katholischem Schmalzgebäck unterschieden. Die protestantischen Kücheln sind eckig, die der romtreuen Glaubensbrüder rund.






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Alle Infos zum Projekt ab 8. Mai im Internet: www.simultankirchenradweg.de
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Mai 2015 (7904)
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