Panikattacken im Konsumrausch

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
22.12.2014
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Leuchtende Tannenbäume, sanft fallende Schneeflocken, zarter Glockenklang und eifrige Zwerge, die Weihnachtfreude wecken. Das ist einfach zauberhaft. Oder?

Macys in New York, das größte Kaufhaus der Welt, stimmt Kunden und Touristen alljährlich mit "Macy's Santaland", einem Weihnachtswunderland, auf das Fest ein. Mit David Sedaris' Theaterstück "The Santaland Diaries" führte der Regensburger Schauspieler Tobias Ostermeier ein (leider recht überschaubares) Publikum im Seidelsaal in dieses Paradies.

Es entpuppte sich schnell als die Hölle. Strikte Regeln, straffe Organisation und streng befohlener Enthusiasmus herrschen im romantischen Zuckerstangenwald. Als Vollzeit-Weihnachtszwerg stellte Ostermeier die verschiedenen Stationen wie die "Oh-my-God-Ecke", "Kotz-Corner" und den "Magic Tree" vor, durch die die Zwerge Heerscharen von Besuchern schleusen.

Skurrile Typen

Ostermeier porträtierte die verschiedenen skurrilen Typen im Santaland, und es gelang ihm mit starker Mimik und expressivem Einsatz des ganzen Körpers, all diese unterschiedlichen Weihnachtszwerge und Santas zum Leben zu erwecken. Das war immer wieder brüllkomisch, und zwischen seinen zynischen Kommentaren versteckte er Seitenhiebe auf Themen wie Datenschutz, Rassendiskriminierung und verschiedene Erziehungsformen. Der alltägliche Adventshorror wurde mit jedem Tag heftiger. Bald war es so arg, dass der Weihnachtszwerg feststellte, wie ähnlich sich "Santa" und "Satan" sind: der Weihnachtsmann und der Teufel, so nah und doch so fern.

Tag für Tag steigerte sich der Wahnsinn, bis am letzten Einkaufstag zwei Frauen mit Fäusten aufeinander losgingen, andere erlitten Panikattacken. Eltern schrien, Kinder heulten, und all das wurde übertönt von "Silent Night".

Aber in dieser Extremsituation erschien ein unbekannter Santa Claus. Er war ein Pol der Ruhe im Chaos und gab Kindern und Eltern den Rat, sich jeden Tag Liebe zu schenken, denn das sei das Wichtigste. Er gab den Menschen innere Wärme, die man für immer im Herzen behält.

Versöhnliches Ende

So endete das Stück doch versöhnlich, und das Publikum applaudierte stürmisch. Wer schon immer gegen die US-amerikanische Art, Weihnachten zu feiern, gespottet hat, fand sich bei diesem Theaterabend bestätigt. Aber sind "Rudolph, the red-nosed reindeer", Santa Claus und Weihnachtsstrümpfe am Kamin nicht längst auch schon bei uns angekommen? Die Weihnachtssatire "The Santaland Diaries" war so grauenhaft realistisch, dass den Zuschauern das Lachen oft im Halse steckenblieb. Rettet das Christfest vor der totalen Kommerzialisierung, dem bodenlosen Kitsch und dem hemmungslosen Konsum, das war die Botschaft, die die Zuschauer mitnahmen.
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