Peter Muggenthaler über Zwangsarbeiter
Wenn die Liebe zum Tod führt

Von links Thomas Muggenthaler, Dekan Karlhermann Schötz und Dr. Jörg Skriebeleit. Bild: hsm
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
14.05.2012
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Es ging um die Liebe zwischen einer deutschen Frau und einem Polen zu NS-Zeiten: Im historischen Seidel-Saal las Thomas Muggenthaler, Journalist des Bayerischen Rundfunks und Autor des Buches "Verbrechen Liebe". Dabei nannte er verschiedenste Fallbeispiele aus Niederbayern und der Oberpfalz.

Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, führte in das Thema ein. Doch zunächst erklärte Dekan Karlhermann Schötz den zahlreichen Besuchern, dass zwischen 1939 und 1945 zwölf Millionen Zwangsarbeiter aus Polen, der Ukraine und anderen osteuropäischen Staaten nach Deutschland rekrutiert wurden.

"In dieser Zeit herrschte kein Unrechtsbewusstsein und kein Skrupel. Doch die Liebe zwischen zwei Menschen konnte auch damals nicht verhindert werden", so Schötz. Thomas Muggenthaler schilderte seinen ersten Fall aus dem Buch: Kasimir Rudkowski war polnischer Zwangsarbeiter in Niederbayern und verliebte sich in eine deutsche Dienstmagd. Die beiden hatten ein Verhältnis, was zu NS-Zeiten strikt verboten war. Sie wurden jedoch durch einen Augenzeugen verraten. Die Dienstmagd musste ihr Heimatdorf verlassen und wurde in ein Fürsorgeheim gesteckt, Kasimir Rudkowski gehängt. Er ist einer von 22 polnischen Zwangsarbeitern, die in Niederbayern und der Oberpfalz hingerichtet wurden.
Ein weiteres Schicksal: Elisabeth Hakl aus Straubing lernte Ceslav Konkorowski an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz kennen. Sie verliebten sich und verbrachten viel Zeit miteinander. Ihre verbotene Liebe wurde aber enttarnt, Elisabeth Hakl erst in das Gefängnis nach Straubing und dann nach Regensburg gebracht.

Dort sah sie Ceslav Konkorowski ein letztes Mal, der ihr einen Handkuss gab. Ihr Geliebter wurde im März 1942 hingerichtet. Sie selbst musste im KZ Ravensbrück Uniformen fertigen. Nach ihrer Rückkehr kannte keiner das Grab von Ceslav. Bewegend ist zudem, dass sie erst an ihrem 65. Geburtstag von ihrer KZ-Haft erzählte. Original-Tonbandaufnahmen, auf denen Elisabeth Hakl ihr Schicksal schildert, wurden im Vortrag immer wieder eingespielt.

Thomas Muggenthaler verdeutlichte, dass viele Frauen bis heute diese Interviews verweigern und keine Auskunft über "ihre Geschichte" geben möchten.

Im Anschluss erklärte Dr. Jörg Skriebeleit die historischen Zusammenhänge: Durch den Mangel an Arbeitskräften in der Kriegswirtschaft wurden 300 000 polnische Kriegsgefangene deportiert, um sich für die deutsche Wirtschaft einzusetzen, 90 Prozent in der Landwirtschaft eingesetzt.
Außerdem galten Polen als "minderwertig". Ein Polen-Abzeichen, das jeder Pole tragen musste, wurde noch vor dem Judenstern eingeführt. Es herrschte ein striktes Kontaktverbot speziell zu deutschen Frauen. Bei Nichteinhaltung drohte die Todesstrafe. Auch die deutsche Frau erlitt einen Ehrverlust bei Kontakt mit einem Polen und wurde aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Thomas Muggenthaler nannte noch einige weitere Fallbeispiele, die er mit Tonbandaufnahmen untermalte, und enthüllte, dass bei diesen Verhältnissen auch Kinder entstanden.

Dr. Jörg Skriebeleit zeigte im Anschluss Fotos einer Exekution. Dabei wurden polnische Zwangsarbeiter zusammengerufen, die dann bei der Hinrichtung dieses Polen zuschauen mussten. Dies sollte als Abschreckung dienen. Thomas Muggenthaler betonte, dass zahlreiche deutsche Frauen öffentlich bloßgestellt wurden, erfuhr man von einem Verhältnis mit einem Polen. Nach der Fragestellung der Besucher entstand am Abend noch eine Diskussionsrunde.
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