Probleme einer pflegenden Angehörigen
Eine Pflege, deren Wunden niemals heilen

Das große Glück eines kleinen Händedrucks: Die Mutter von Frau H. konnte nach ihrem Schlaganfall nicht mehr sprechen und sich kaum mehr bewegen. Aber mit jedem Blick und jedem Händedruck ließ sie ihre Tochter spüren, wie dankbar sie ihr dafür war, dass sie sich so aufopfernd um sie kümmerte. Symbolbild: dpa
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
09.01.2015
24
0

Frau H. gibt keinem anderen die Schuld. Sie sei in eine "freiwillige Opferrolle" geraten, als sie beschloss, ihre Schwiegermutter zu Hause zu pflegen. Daraus wurden 17 Jahre, die wehgetan haben - den Gefühlen, dem Körper, dem Sparkonto und dem Vertrauen, dass es in unserem Land gerecht zugeht.

Wenn Frau H. ihre Geschichte erzählt, möchte sie nicht ihre Verbitterung transportieren, auch nicht den alten Streit wieder aufrühren. Deshalb ist es ihr lieber, wenn ihr Name nicht vollständig in der Zeitung steht. Aber die Wahrheit soll zu ihrem Recht kommen. Deshalb erscheint Frau H. zum Gesprächstermin, auch wenn sie an jeder Ampel überlegt hat, wieder umzukehren.

Und vielleicht helfen ihre Erfahrungen ja anderen Menschen in ähnlichen Situationen. Mit dieser Absicht hat vor einigen Wochen der Riedener Hubert Söllner der AZ die Geschichte um die Betreuung seiner zum Pflegefall gewordenen Frau erzählt. Frau H. hat das gelesen, und es hat bei ihr so viel wieder hochkommen lassen, dass sie es nicht mehr für sich behalten möchte.

Mit 37 alles vorbei

Die Geschichte beginnt vor über 27 Jahren, im September 1987. Die Schwiegermutter von Frau H. erleidet einen Schlaganfall, ist danach halbseitig gelähmt und inkontinent. Im November wird sie als voller Pflegefall aus dem Krankenhaus entlassen. Frau H., damals 37, übernimmt die Pflege der 77-Jährigen. "Das hat mir niemand ang'schafft, irgendwie habe ich das alles selber an mich gerissen, das war irgendwie selbstverständlich", sagt sie heute darüber. Von den Geschwistern ihres Mannes kommt auch kaum Unterstützung.

Frau H. ist sicher, die Pflege alleine schaffen zu können, weil sie Krankenpflegerin gelernt und bis zur Hochzeit als Schwesternhelferin im Krankenhaus gearbeitet hat. Bald begreift sie aber, wie ausfüllend diese Zuständigkeit rund um die Uhr ist: "Für Freunde war keine Zeit mehr; Urlaub - von wegen."

Im Januar 1990 erleidet sie einen Bandscheibenvorfall, als sie die Schwiegermutter aus der Badewanne hebt. Der Hausarzt gibt Frau H. Spritzen gegen die starken Schmerzen; zum Orthopäden will sie nicht, weil sie Angst hat, dass der sie für längere Zeit aus dem Verkehr zieht. Und was soll dann mit der Schwiegermutter werden? Frau H. muss sich doch um sie kümmern. "Ich muss, ich muss, ich muss", an mehr kann sie nicht denken.

Dann doch die Operation

Im Oktober 1990 geht es aber körperlich nicht mehr, Frau H. muss doch ins Krankenhaus, wird später operiert - und verlässt gleich danach die Klinik wieder, weil sie sich bei der häuslichen Pflege unabkömmlich fühlt. Immerhin hat sie jetzt eine Helferin, die ihr die Schwester von der Diakoniestation besorgt hat und die die Krankenkasse bezahlt. Doch es rächt sich, dass Frau H. ihrem Körper keine Zeit gibt, die Operation zu verkraften. Sie muss immer wieder in Krankenhäuser und auf Reha. "Ich bin nicht mehr auf die Füße gekommen und habe trotzdem immer weiter funktioniert."

1996 hat das Schicksal den nächsten Wirkungstreffer für sie parat: Ihre Mutter erleidet einen Schlaganfall, kann sich nicht mehr bewegen. Gegen den Rat der Ärztin am Krankenhaus holt Frau H. sie ebenfalls zu sich nach Hause. "Wir haben die Leute ja dann hier liegen, die so lange gepflegt haben", sagt die Ärztin. Aber gegen das Argument von Frau H. kommt sie nicht an: "Ich kann doch nicht die Schwiegermutter pflegen und die eigene Mutter ins Pflegeheim stecken."

Was es bei der Schwiegermutter nie gab, erlebt Frau H. jetzt plötzlich als großes Glück mit ihrer Mutter: Die Frau, die sich nicht mehr rühren und nicht mehr sprechen kann, lässt ihre Tochter mit jedem Blick und jedem Händedruck spüren, wie dankbar sie ihr ist, dass sie sich um sie kümmert.

Doch nach vier Wochen stirbt sie.

"Danach ist mir die Pflege der Schwiegermutter so schwer gefallen. Ich war oft so weit, dass ich gesagt habe: Ich kann nicht mehr", erzählt Frau H. weiter. Für einige Zeit hilft ihr ein Pflegedienst, der von der Pflegeversicherung bezahlt wird. Doch als Familie H. die rechtliche Betreuung für die Schwiegermutter übernehmen will, kommt es zum "Riesenstreit mit der Verwandtschaft". Aus der Pflege-Geschichte wird jetzt eine Frage der Finanzen. "Dabei ging es uns gar nicht um der Oma ihr Geld", sagt Frau H., "wir haben die Betreuung beantragt, um selbst entscheiden zu können, wenn ein Krankenhaus-Aufenthalt nötig ist."

Von Querelen zermürbt

Als Frau H. im Frühjahr 1998 für zwei Tage zu einer kranken Freundin fährt, weil sie der ständigen Querelen müde ist, bringen die Verwandten die Schwiegermutter, die kurz vorher die Betreuungsverfügung zugunsten des Mannes von Frau H. unterschrieben hat, in ein Altenheim. Zahlen muss dafür die Familie H., weil das so im Übergabevertrag für das Anwesen steht.

Die H.s möchten weiter daheim pflegen und verweigern die Zahlung, doch die Entscheidung liegt jetzt in anderen Händen. Über den Betreuungsantrag befinden das Betreuungsamt des Landkreises und das Amtsgericht. Im August 1998 setzt das Amt eine Besprechung an, zu der die ganze Verwandtschaft eingeladen ist. Was Frau H. erst später erfährt: Ein Schwager hatte schon vorher mit dem Verantwortlichen gesprochen und Stimmung gegen sie gemacht. Von dem ist keine Unterstützung zu erwarten, als die Verwandten bei dem Termin auf Frau H. losgehen. "Der können Sie nichts glauben, die ist mit den Nerven fertig", sei einer der besonders schmerzhaften Sprüche gewesen, erinnert sie sich. "Ich war nur die Angeklagte. Irgendwann ist es mir zu dumm geworden und ich bin rausgerannt."

Fast geht das Haus drauf

Der Schwager wird als Betreuer eingesetzt und bestimmt, dass die Schwiegermutter weiter im Heim bleibt. Familie H. lässt sich vom Sozialamt verklagen, weil sie die Kosten dafür nicht tragen will. Das Gericht befindet aber schließlich 2001, dass die H.s wegen des Übergabevertrags vom ersten Tag an zahlen müssen. "So ist dann alles, was wir uns fürs Alter zurückgelegt hatten, für das Heim draufgegangen." Durch einen Irrtum kommt es fast noch zur Versteigerung ihres Hauses. Frau H. schüttelt den Kopf, wenn sie daran denkt. Was sie damals auf dem Sozialamt erleben musste, macht sie noch immer wütend. "Und wenn wir dadurch zum Sozialfall werden?", fragen die H.s dort nach der Gerichtsentscheidung. Antwort: "Dann können Sie um Sozialhilfe eingeben."

Weil Familie H. das Gefühl hat, bei dem Verfahren über den Tisch gezogen worden zu sein, wendet sie sich an Armin Nentwig, damals noch Landtagsabgeordneter. "Er hat sich sofort für uns Zeit genommen, hat ans Amtsgericht und das Betreuungsamt geschrieben und dabei betont, dass zehneinhalb Jahre Pflege doch nicht so einfach weggewischt werden können, wenn es um die Frage geht, wer Betreuer wird." Aber etwas Konkretes kann auch der spätere Landrat nicht erreichen. Die H.s geben in der Betreuer-Frage schließlich auf, nachdem ein Richter ihnen ganz unverblümt gesagt hat: "Sie bekommen da sowieso nicht recht."

Der Mann von Frau H. kriegt es danach nicht übers Herz, seine Mutter noch einmal zu besuchen, die sich in dem Verfahren trotz der vorherigen Unterschrift zugunsten ihres Sohnes für den Schwager als Betreuer ausgesprochen hat und die nicht mehr zu den H.s zurück will, obwohl die für das Seniorenheim ihre gesamten Ersparnisse opfern. Frau H. aber lässt den Kontakt zu ihrer Schwiegermutter nicht abreißen, bis diese 2005 stirbt.

Fast zehn Jahre ist das jetzt her, aber es reißt immer noch alte Wunden in Frau H. auf, wenn sie davon erzählt. "Es war gar nicht die Pflege an sich", versucht sie ihre Gefühle zu beschreiben, "aber uns ist so viel Ungerechtigkeit widerfahren." Zehneinhalb Jahre Pflege seien einfach mit Füßen getreten worden, als es um die rechtliche Verantwortung für die Schwiegermutter ging - und um gewaltige finanzielle Folgen. Von den Behörden hält sie seitdem nichts mehr. Es ist ihr unbegreiflich, "wie an solchen Stellen gehandelt wird. Die sehen den Fall nur nach Aktenlage. Es interessiert sie überhaupt nicht, ob die der Wahrheit entspricht."

Geld nicht das Wichtigste

Womöglich hätte Frau H. darüber den Glauben an das Gute im Menschen verloren, wenn sie nicht immer wieder Leute getroffen hätte (oft waren es junge), die sich ihrer Sache mit Enthusiasmus annahmen. "Sie haben Hilfe und Seelsorge betrieben. Ihnen war klar, dass nicht das Geld das Wichtigste ist, sondern ein mitfühlender Händedruck, und dass jemand da ist, der zuhört und das verstehen kann." Das erklärt vielleicht, warum Frau H. bis heute ohne die Frage nach der Schuld auskommt.
Weitere Beiträge zu den Themen: Januar 2015 (7957)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.