Reif für die evangelische Insel

Das Sulzbacher Schloss - letzte evangelische Insel im katholischen Meer: Ab 1621 lag die Oberherrschaft bei Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm, der im Gegensatz zu seinem Bruder, Pfalzgraf August, zum alten Glauben zurückgekehrt war. Bild: Royer
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
11.04.2015
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Unweigerlich stößt man dabei auf Reformatoren, Waffengänge und zwei Glaubensrichtungen: Gerade jetzt, kurz vor Eröffnung des Simultankirchen-Radwegs, rücken die historischen Hintergründe dieser seltenen konfessionellen Einrichtung in den Fokus. Hier lohnt es sich, nach den Ursachen zu forschen.

So ein Kirchgang kann ganz schön lang sein. Von Sulzbach nach Amberg oder Nürnberg, oder gar vom Naabtal und noch weit dahinter bis nach Sulzbach? Das wird sich selbst der Frömmste überlegen. Trotzdem hat es das gegeben. Wann und warum haben die frühen Protestanten solch lange Wege auf sich genommen?

Es war vor vier- bis fünfhundert Jahren, als Reformation und Gegenreformation die konfessionellen Verhältnisse in unserem Landstrich mächtig durcheinanderwirbelten. Weil der Niedergang der römisch-katholischen Kirche bis hinunter auf die örtliche Ebene spürbar geworden war, hatten um 1525 auch in und um Sulzbach die Lehren Luthers zunehmend Sympathie gefunden.

Aber die Kanzel war noch fest in der Hand der Amtskirche; einen evangelischen Pfarrer gab es hier nicht. Die Folge war das "Auslaufen" von immer mehr unzufriedenen Gläubigen, die protestantische Gottesdienste in Amberg und Nürnberg besuchten. Das änderte sich erst, als 1543 Pfalzgraf Ottheinrich I. Landesherr von Pfalz Neuburg, den ersten evangelischen Stadtpfarrer nach Sulzbach berief.

Protestantismus verankert

Das war Dr. Stephan Kastenbauer, von Stadtheimatpfleger Dr. Markus Lommer als "der wohl prominenteste altbayerische Frühlutheraner" gewürdigt. Zwar verließ Kastenbauer bereits zwei Jahre später Sulzbach wieder, aber ihm folgten weitere hochqualifizierte Geistliche, die den Protestantismus fest im hiesigen Kirchenvolk verankerten.

Keinen Grund zum "Auslaufen" hatten die Lutheraner auch 1582, als Pfalzgraf Ottheinrich II. die Regierungsgeschäfte im Teilfürstentum Sulzbach übernahm. Erst recht hielt Pfalzgraf August, in Amt und Würden ab 1615, an der protestantischen Lehre fest. Drei Jahre später jedoch brach der Dreißigjährige Krieg aus und stellte die Verhältnisse auf den Kopf.

Als 1621 bayerische Truppen einmarschierten, setzte gegen den Willen der Bevölkerung die Rekatholisierung ein. Pfalz-Sulzbach war zu dieser Zeit noch der Oberherrschaft von Pfalz-Neuburg unterstellt. Der dortige Regent, Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm, war zum alten Glauben zurückgekehrt und fest entschlossen, "im geliebten Sulzbach die eingeschlichene lutherische Ketzerei" wieder abzuschaffen.

Den vier evangelischen Geistlichen wurde ihre Tätigkeit verboten, die Seelsorge stattdessen Jesuiten aus Amberg anvertraut. Die taten sich schwer, nicht zuletzt, weil Wolfgang Wilhelms Bruder, Pfalzgraf August, hoch droben auf dem Sulzbacher Schloss unverrückbar zum protestantischen Bekenntnis stand.

Eine Binnenwanderung

Das löste sogar eine "Binnenwanderung" aus: In der Schlosskapelle predigten die abgesetzten evangelischen Geistlichen, und die Bänke waren gut gefüllt. Reif für die evangelische Insel im katholischen Meer waren aber offenbar auch Protestanten, die weit entfernt wohnten.

Dr. Volker Wappmann berichtet in dem Geschichtsband "Eisenerz und Morgenglanz" von Leuten aus der gesamten Oberpfalz, die den evangelischen Glauben an ihren Wohnorten nicht mehr ausüben durften: "Nur in Sulzbach fanden noch evangelische Gottesdienste statt. Hierher ging man zur Beichte und zum heiligen Abendmahl, hierher ging man, um das Wort Gottes zu hören." Ob es wirklich viele gewesen sind, die Gottes Wort im fernen Sulzbach hören wollten? Immerhin mussten manche von ihnen dafür eine Tagesreise auf sich nehmen.

Trotzdem ist für die Sonntage die Zahl von 1000 Abendmahlteilnehmern überliefert. Dafür war die Kapelle zu klein, so dass der Pfalzgraf den Gottesdienst in den Schlosshof verlegen ließ.

Letzter Zufluchtsort

Mit Eroberung der Stadt durch bayerische Truppen, der Flucht der pfalzgräflichen Familie und dem Ableben Herzog Augusts 1632 war es vorbei mit diesem letzten evangelischen Zufluchtsort, der der katholischen Obrigkeit ein Dorn im Auge war.
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