Schorschi und der Schwachsinn

Das war Schäferhund Schorschi: absolut kinderlieb, wie seine Besitzer sagen und mit diesem Bild zum Ausdruck bringen wollen. Es entstand vor über zwei Jahren - so lange ist Schorschi schon tot, eingeschläfert von seinem früheren Herrchen, weil der Vierbeiner nach dem Radler-Vorfall angeblich "seelische Macken" hatte. Bild: hfz
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
12.06.2015
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Der Hund hieß Schorschi und ist seit über zwei Jahren tot. Am Landgericht lebt er trotzdem weiter in einer Berufungsverhandlung, die ein bisschen an königlich-bayerisches Amtsgericht erinnert. Eine Rolle spielt dabei auch, dass die angeklagte Hundebesitzerin eine Intelligenzminderung hat, die das Gesetz als "Schwachsinn" definiert.

Der Bevollmächtigte, der die Frau im Prozess begleitet, bezeichnet die Einschränkungen seiner Bekannten als "geistige Behinderung" und wundert sich deshalb, wie die 59-Jährige damit überhaupt verurteilt werden konnte. Das war schon im Mai vergangenen Jahres geschehen, als die Landkreisbewohnerin vom Amberger Amtsgericht wegen fahrlässiger Körperverletzung durch ihren Schäferhund eine Geldstrafe von 600 Euro und die Kosten des Verfahrens auferlegt bekam. Dagegen ging sie mit Hilfe ihres Bevollmächtigten in Berufung, weshalb der Fall eines angeblichen Bisses von Schorschi im Mai 2013 am Mittwoch bei der 3. Strafkammer des Landgerichts neu aufgerollt wurde.

Wunde 1 x 1 Zentimeter

Das heißt, eigentlich hatte Vorsitzender Richter Gerd Dreßler versucht, das zu verhindern, indem er vor allem die Staatsanwaltschaft aufforderte, sich zu überlegen, ob nicht eine Einstellung des Verfahrens infrage käme. Das lehnte die Prozessvertreterin ab, weil sie prinzipiell das erstinstanzliche Urteil für richtig hielt. Auch einem später erneut gemachten Vorschlag des Gerichts, vielleicht mit der Zahlung eines Schmerzensgeldes an den damals 13-jährigen Buben - er soll Opfer des Bisses geworden sein - zu einer Einstellung zu kommen, folgte die Staatsanwältin am Mittwoch nicht.

Dazu war allerdings auch der für die 59-Jährige sprechende Bevollmächtigte, der Schorschi einst besessen und seiner Bekannten überlassen hatte, nicht bereit. Für ihn war der damals rund zwölf Jahre alte Schäferhund keineswegs aggressiv, sondern ausgesprochen "kinderlieb". Dass Schorschi den an ihm vorbeiradelnden Buben Ende Mai 2013 in den Knöchel gebissen haben soll, zog der Mann in Zweifel. Auch weil die verursachte Wunde nur einen Quadratzentimeter groß war und nicht zum Gebiss eines ausgewachsenen Schäferhunds gepasst habe.

Schmerzensgeld: Niemals

Das hatte aber das Amtsgericht aufgrund ärztlicher Aussagen und eines Gutachtens für erwiesen betrachtet. Es hielt der 59-Jährigen vor, sie hätte dem Hund bei dem fraglichen Spaziergang auf einem Gehweg zusätzlich zur Leine auch einen Maulkorb anlegen müssen.

Absolut unnötig bei dem friedlichen Tier, argumentiert der 62-jährige Bevollmächtigte und vermutet seinerseits, dass der radelnde Bub wohl eher zur Abwehr mit dem Fuß in Richtung von Schorschi getreten habe und allenfalls dadurch das Maul und die Zähne des Tieres mit seinem Knöchel berührt haben könnte. Deshalb Schmerzensgeld zu zahlen, kam für den äußerst streitbar auftretenden Mann - Dreßler drohte ihm wegen lautstarker despektierlicher Äußerungen bereits ein Ordnungsgeld an - nicht infrage.

Gar Freispruch "möglich"

Aufgrund der bislang ebenso harten Position der Staatsanwaltschaft biss sich deshalb sozusagen die Katze in den Schwanz und die Kammer musste den Prozess eröffnen, der mit der Vernehmung von vorerst fünf weiteren Zeugen nun schon mal einen zweiten Verhandlungstag braucht. Dabei hatte Gerd Dreßler neben der Frage, ob der Hund tatsächlich gebissen hat oder nicht, ausdrücklich auf weitere "Probleme" des aufwendigen Prozesses hingewiesen. Nämlich, ob die 59-Jährige aufgrund ihres vom Landgerichtsarzt bereits als "schwachsinnig" bezeichneten Zustands für das Geschehen verantwortlich ist.

Auch die Beurteilung eventueller Fahrlässigkeit sei "schwierig", weshalb der Richter anklingen ließ, dass gegebenenfalls ein Freispruch "möglich" sei. Selbst die Überlegung, "welche Gefahr von der Hundehalterin ausgehen soll", stellte er der Anklagevertreterin fast schon händeringend anheim. Zumal Schorschi tot ist - seit gut zwei Jahren. Am Donnerstag, 25. Juni, soll der Prozess in die zweite Runde gehen.
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