Seitensprung besonderer Art

Als Helen ist Maria Warkentin in dieser Szene für Barney (Peter Warkentin) zu stürmisch. Bild: gac
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
23.04.2015
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Für einen Seitensprung braucht ein Mann einen Ort, eine Zeit und natürlich eine Frau. Wenn er all das hat, steht dem Spaß nichts mehr im Wege. Oder?

Barney Silbermann, "Der letzte der feurigen Liebhaber" aus Neil Simons gleichnamigem Stück, ist seit 23 Jahren verheiratet und möchte aus der Wohlanständigkeit ausbrechen. Die Wohnung seiner Mutter ist frei, und in seinem Fischrestaurant lernt er eine attraktive Frau kennen, die nicht abgeneigt ist. Akribisch bereitet er das Schäferstündchen mit der leidenschaftlichen Helen vor, aber alles kommt ganz anders, als er es sich vorstellt. Maria und Peter Warkentin vom Russland-Deutschen Theater Niederstetten bereiten dem Publikum im vollen Seidelsaal einen Theaterabend der Extraklasse. Das Stück, eine furiose Komödie mit hinreißenden Slapstickeinlagen, augenzwinkernder Erotik und dabei Tiefgang, gibt ihnen alle Möglichkeiten, ihre hohe Schauspielkunst auszuleben.

Maria Warkentin spielt Helen, die ihr "lechzendes Verlangen" befriedigen will, die nicht reden will, sondern all ihre Reize einsetzt, um Barney aus der Reserve zu locken.

Peter Warkentin als Barney gibt den verklemmten Mann in der Midlifecrisis, der das Gefühl hat, das Leben sei an ihm vorbeigegangen. Er weiß nicht, ob er will. Und als Helen schließlich frustriert weggeht, schwört er sich: "Das werde ich nie, nie, nie mehr machen". Im zweiten Akt probiert er es trotzdem erneut, diesmal mit Jeannette, der besten Freundin seiner Frau. Jetzt ist alles ganz anders. Er trägt nicht mehr Anzug, sondern Sportkleidung, die Rose ist gelb statt rot, er bringt Champagner mit und nicht Whisky.

Diesmal ist Barney stürmisch, aber Jeannette ist schüchtern, unglücklich, depressiv. Sie versteckt sich hinter ihrer Handtasche wie hinter einem Schutzschirm und verwickelt ihn in eine Diskussion darüber, ob es überhaupt noch liebevolle, verantwortungsvolle und anständige Menschen gibt. Es fasziniert zu sehen, wie wandlungsfähig Maria Warkentin ist. Sie verkörpert die melancholische Nachdenkliche genauso authentisch wie vorher die Sexbombe. Peter Warkentins große Stärke ist seine unbeschreibliche Mimik. Er knautscht sein Gesicht, schaut grimmig, lässt fast die Augen aus den Höhlen kullern. Dadurch gelingt es ihm viel mehr als mit Worten, das Gefühlsleben des Protagonisten deutlich zu machen.

Jeannette und Barney finden schließlich drei liebevolle, verantwortungsvolle und anständige Menschen, nämlich Jesus, John F. Kennedy und Helma, Barneys Frau. Jeannette geht es besser, und auch Barney geht nach Hause, zu einem "netten, interessanten Abend". Kräftiger Applaus.
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