Überleben im Nirgendwo

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
04.07.2015
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Durch das löchrige Blätterdach stechen Sonnenstrahlen. Draußen brütet der Alltag in einer Affenhitze. Der Schatten des Waldes ist angenehm. Nach wenigen Minuten drückt der Rucksack. "Wie weit ist es noch?", lautet die erste Frage an Wildnis-Coach Christian Rudolf.

Die Jugendlichen sind eigentlich erst kurz unterwegs. An den Füßen Turn- oder Wanderschuhe und auf dem Rücken all das, was man die nächsten drei Tage an persönlichen Dingen braucht, so marschieren die acht Unterstufen-Schüler des Max-Reger-Internats mit zwei Betreuern, Alexandra Sturm und Michael Meier, durch den Wald. "Wir gehen nicht lang", verspricht der 37-jährige Profi-Wildhüter, grinst, und ist selbst ausgerüstet, als müsste er den Mount Everest besteigen. Bald geht es hoch hinauf. Im Gänsemarsch reihen sich die Jungs und Mädels beim steilen Aufstieg hintereinander. Die Gespräche sind fast verstummt. Plötzlich bricht der Schrei eines Mädchens die Stille. Eine Spinne. Wahrscheinlich noch verängstigter sucht das kleine Krabbeltier Zuflucht im Unterholz. Gelächter ist zu hören. Die Jugendlichen plappern mit schier endlos scheinender Energie munter weiter.

Es ist Freitagnachmittag irgendwo im Lauterachtal. Für die drei Mädchen und fünf Jungs ist es eines von zwei Pflicht-Wochenenden im Jahr, das sie gemeinsam verbringen müssen. Diesmal nicht in weichen Federbetten, sondern auf dem nach Holz und Harz duftenden Waldboden. Momentan sehen sie darin eher den Tummelplatz für Käfer und Ameisen. Später wird Betreuerin Alexandra Sturm (34) erzählen, dass sie das ganze Wochenende erstaunlich gut geschlafen habe.

Ameisen im Schlafzimmer

Noch blicken alle zweifelnd auf das Nichts mitten im Wald. Diese Stelle soll für zweieinhalb Tage ihr Zuhause werden. Christian Rudolf spricht von einem Lagerplatz. Der Wildnis-Coach erklärt, warum die Stelle geeignet ist, stellt Fragen zur Natur, lässt die Jugendlichen überlegen und antworten. Sie wissen erstaunlich viel. Schon längst hat jeder wieder Luft zum reden. Eine lange Ruhepause braucht hier keiner. Besonderer Vorteil an diesem Wildnis-Wochenende: Coach Christian hat schon Vorarbeiten getroffen und heimlich Getränke, Essen und Ausrüstung in die Nähe des Lagerplatzes gebracht. Das muss aber noch geholt werden. Die Sonne steht zwar noch hoch am Himmel, aber "das kann sich schnell ändern", sagt Rudolf. In der Dunkelheit einen guten Platz für ein Dach über dem Kopf zu suchen, sei schwer. Und wohin solle die Öffnung des Tarps überhaupt zeigen? Jeder der Zehn- bis 14-Jährigen hat schon mal gezeltet. Unter einem Tarp übernachtet hat allerdings noch keiner. Was ist das eigentlich?

Und wer schläft neben wem? Fragen, die auch in der Wildnis wichtig sind. Ein Tarp ist eine Plane, die es für unter zehn Euro im Baumarkt gibt und besonders auf einsamen langen Touren wenig Platz im Rucksack wegnimmt. "Das wichtigste ist: Ihr müsst euch nach der Natur richten", gibt Rudolf seinen Schützlingen mit auf den Weg. "Das bedeutet ganz konkret: Einen Lagerplatz sucht man sich zum Beispiel dort, wo einem keine Wurzeln in den Rücken stechen." Auch müsse man das Wetter im Blick behalten. Sich bei einem Gewitter auf freier Fläche aufzuhalten sei relativ ungünstig. Als es um's Aufbauen geht, sind die Jugendlichen interessiert bei der Sache. Jeder will bis zur Nacht wissen, wo er den Schlafsack ausrollen kann.

Eichhörnchens Spuren

Bis an diesem Abend gegessen werden kann - natürlich stilecht rund ums Lagerfeuer - wird es halbzehn Uhr abends. Die erste Nacht im Wald ist aufregend. Still. Und doch nicht. Manche glauben, dass sie ein Wildschwein hören. Andere, dass es regnet. Oder sind es nur die auf die Plane herabfallenden Tannennadeln? So langsam kommen alle zur Ruhe. Der Wald nimmt die übersprudelnde Energie der Jugendlichen auf und gibt sie in stillem Blätterrauschen wieder ab. Am nächsten Tag steht das Fischeschlachten auf dem Programm. Das beeindruckt alle.

Szenenwechsel. Eine Woche später treffen die jungen Waldläufer im Gruppenraum des Internats am Max-Reger-Gymnasium zusammen. Ausnahmslos allen hat es gefallen. Jonas (13) findet die Tage "besser als erwartet", besonders das Losziehen auf eigene Faust wie ein Jäger auf der Pirsch und das Fallen stellen. Justus (12) bezeichnet das Wochenende sogar als "richtig cool, weil uns gezeigt wurde, wie man Feuer macht". Manche sahen ein Reh, andere fanden die Spuren von Eichhörnchen und Mäusen, aber zu jedem Zeitpunkt habe die Gruppe "für ihre Verhältnisse sehr harmonisch zusammengelebt", lobt ihr Betreuer Michael Meier.
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