Unaufgeregte Amok-Übung

Podiumsdiskussion zum Umgang mit Amok-Lagen an Schulen (von rechts): Professor Herbert Scheithauer, Jens Hofmann, Carsten Höfler, Michael Liegl, Arno Helfrich, Franz Hench, Hans Peter Schmalzl und Hans-Joachim Röthlein. Bild: Herda
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
27.03.2015
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Das Thema Amok löst Panik aus. "Wir hatten einen Hinweis in Garching, jemand würde mit einer Waffe hantieren", erzählt Hauptkommissar Arno Helfrich. "Ruckzuck sprach sich das rum, Kinder liefen schreiend davon, Eltern riefen an." Es stellte sich heraus: "Es war der Gärtner mit einem Werkzeug."

Die Anekdote zeigt: Bei Amok liegen die Nerven blank. Ein zweitägiges Symposium an der Polizei-Fachhochschule in Sulzbach-Rosenberg - in Kooperation mit der FH Fürstenfeldbruck und Staatlichen Schulberatungsstellen - zeigte am Mittwoch und Donnerstag Wege auf, wie Schulen und Polizei mit der schwierigen Materie vernünftig umgehen können.

Denn: "Es ist nicht klar geklärt, was eine intensive Berichterstattung dazu auslöst", warnt bei der Podiumsdiskussion Dr. Franz Hench. Der Oberarzt an der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Amberg gibt zu bedenken: "Wenn man die Schüler üben lässt, dann machen potenzielle Täter auch mit - sie kriegen dabei auch die Fluchtwege mit."

Man sieht: Die Frage von Beate Panzer, Schulleiterin des Burglengenfelder Gymnasiums, ist keinesfalls banal. Eine Amok-Übung mit Kindern und Jugendlichen verbietet sich. Ein junger Polizist und Vater schildert, was so etwas anrichten kann: "In der Schule meiner Tochter haben sie in der 1. Klasse eine Amok-Lage geübt", schildert er "stinksauer" die Folgen: "Ihr großer Bruder hat ihr erzählt, ,jetzt weiß auch der Amokläufer Bescheid'."

Eine Einschätzung, die Professor Herbert Scheithauer unterstreicht: "Eine solche Tat ist zum Glück sehr selten", lehnt der Psychologe jede Art von Alarmismus ab. "Ich bin deswegen skeptisch, mit Übungen an Kinder heranzutreten, die einen möglichen Ernstfall suggerieren." Man solle vielmehr Lehrer - so konkret am Verhalten orientiert wie möglich - auf eine Amok-Lage vorbereiten. "In einer gut organisierten Schule gehört dazu, Notfallpläne zu üben. Alle Eltern sind dankbar, wenn sie wissen, dass man für Notfälle gerüstet ist."

Schülerin warnt vergeblich

Unterstützung können Schulen beim Kriseninterventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologen (KIBBS) anfordern. KIBBS-Sprecher Hans Joachim Rothlein verdeutlicht die Dringlichkeit der Prävention an einem drastischen Beispiel: "Der Schulleiter in Ansbach erfuhr nach dem Amoklauf 2009, dass eine Schülerin bei einer Infoveranstaltung drei Monate vor dem Vorfall, auf einen Schüler gedeutet und gesagt hatte, ,der hier macht einen Amoklauf' - es hat sie keiner ernst genommen." Schulen seien verpflichtet, Krisenteams mit Lehrern einzurichten, die das Vertrauen der Schülerschaft genössen.

Psychiater und Psychologen dämpfen die Hoffnung, dass man Schüler, die eine solche Tat planten, ohne weiteres identifizieren könne. "Es gibt kein CT, auf dem man sieht, welche Neigungen einer hat", sagt Dr. Franz Hench. "Wir haben nur das Gespräch, um rauszukriegen, ob ein Jugendlicher gefährlich werden kann." Und Professor Herbert Scheithauer bestätigt: "Wir beschäftigen uns viel mit Gewalt- und Rachefantasien, aber wir können nicht genau sagen, was noch relativ normal ist und was nicht." Es gebe kaum wissenschaftlich belastbare Daten: "Wir reden über das Szenario eines School-Shootings - da ist die Beurteilung meist nur retrospektiv möglich."

Der Beitrag der Polizei zu dem Thema ruht auf zwei Säulen: Präventiv beraten Schulverbindungsbeamte beim Erstellen von Sicherheitskonzepten: "Was kann man baulich verändern, um die Schule sicherer zu machen?", nennt Polizeihauptkommissar Hefrich eine Fragestellung. "Moderne Gebäude machen es uns oft schwer, weil alles aus Glas ist." Die offene Atmosphäre sei aus pädagogischer Sicht eine tolle Sache - mit Blick auf den Amokläufer aber fatal, weil er freie Sicht habe.

Einsatz-Training

Die Kernkompetenz der Polizei rückt Hans Peter Schmalzl, Leiter des Zentralen Psychologischen Dienstes, in den Fokus. Polizisten könnten, während Schüsse fielen, nicht warten, bis Spezialeinheiten anrückten. "Eine ungeheuere Verantwortung und Belastung für einen Vollzugsbeamten." Darauf müssten sich die Beamten akribisch vorbereiten. "Beim Einsatz-Training werden auch School-Shootings simuliert."

"Bei uns gab es bisher nur niederschwellige Ereignisse", beschreibt Michael Liegl, Oberpfälzer Polizeipräsident, die Lage vor Ort. "In einer Mittelschule in Rötz löste sich beim Streit eines suizidgefährdeten Schülers mit einem Lehrer ein Schuss."
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