Vom Alptraum Weihnachten

Bei ihm bleibt kein Auge trocken: Norbert Neugirg hatte den Saal von der ersten Sekunde an im Griff. So herzhaft gelacht wurde in letzter Zeit selten.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
06.12.2015
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Es ist die Weihnachtsgans, die sich wie ein roter Faden durch den Abend zieht. Immer wieder taucht das Symbol von Tradition und Festessen in den Texten auf, und Norbert Neugirg macht eindeutig klar, was er von dem kommerziellen Weihnachtsrummel hält: gar nichts. Das Publikum dagegen nimmt die Lesung im Capitol als vorzeitiges "Christkindl" begeistert auf.

"Der Verstand kommt erst Dreikönig wieder", diagnostiziert der Kommandant der Altneihauser Feierwehrkapell'n. Seine Weihnachtslesung, unterstützt von der musikalischen Krippenbesetzung, gerät im "aufgelassenen Wochenschaubunker" Capitol zum Parforce-Ritt durch alle verkitschten und sinnentleerten Rituale rund um das Fest der Feste. Der Abend war seit vielen Monaten ausverkauft.

Die Krim der Oberpfalz

"Der Nichtchrist tut der Christenleid an Weihnachten besonders leid", hat er erkannt und schwenkt flugs um zur im Dezember fast alltäglichen Völlerei, von der Betriebsweihnacht über die inflationären Weihnachtsmärkte mit viel Glump bis zu den Weihnachtslesungen: "Die schlimmsten Gruppen sind am Werk, und heut trifft's Sulzbach-Rosenberg!" Was hier los ist, weiß er genau: "Sulzbach-Rosenberg ist aufgeblüht, auch für den, der's Stadtgebiet als einen Teil von Moskau sieht. Es ist doch gut, wenn Volk zuzieht, es würzt die Suppe wie das Salz - hier ist die Krim der Oberpfalz!".

Und dann geht es hinein in den inzwischen ganz normalen Wahnsinn rund ums Fest, vom Christbaumkauf am 23. Dezember (zwölf Stunden Suchfahrt, dreimal getankt) und die Jahresrückblicks-Inflation über den allgegenwärtigen Budenzauber bis zur Überlieferung "Es begab sich ..." Neugirg ist Meister des geschliffenen Wortes, messerscharf erkennt er den Trend, in jedem Dorf ab drei Einwohnern einen Adventsmarkt rund um den Unterflurhydranten zu etablieren und mit Glühwein zu fluten.

Geradezu apokalyptisch dann seine Schilderung des Dorf-Chores bei der Christmette um Mitternacht auf der Empore: Die Luft dort oben, geschwängert vom Duft der vielfältig genossenen Köstlichkeiten aus Mündern der Chormitglieder, wird knapp, der Dirigent fast ohnmächtig. Er rettet die Gloria-Aufführung nur noch durch göttliche Hilfe: Die Cognac-Nase eines Mitglieds blinkt rhythmisch und hilft ihm beim Dirigieren. Der Saal tobt, Neugirg schmunzelt.

Perfekte Musik

Ein Abend der Extra-Klasse, schon weil der Mann nie ein Blatt vor den Mund nimmt. Dazu passt perfekt das Quintett der Feierwehrkapell'n, das ihn virtuos unterstützt: Rupert Beer (Tuba), Peter Fuhrmann (Tenorhorn), Ludwig Schieder (Akkordeon), Armin Scharnagl (Trompete), Thomas Kießling (Klarinette): Wohl die einzige Feuerwehrkapelle, die von "Heidschibumbeidschi" nahtlos in die James-Bond-Titelmelodie übergehen kann. Klasse Arrangements, dezente, valentineske Komik, hohes musikalisches Können - das passt!

Botschaft an die Bürger

Die wenigen Franken im Saal bekommen noch eine Breitseite mit, er stellt fest, dass es in Rosenberg nicht einmal ein Wirtshaus gibt, in das er nachher gehen könnte, und gibt dem Publikum noch eine Botschaft an die Bevölkerung mit, "die mit Bürgermeister Göth leben muss": "Wir hoffen, dass Sie bei seinem Treiben halbwegs bei Verstande bleiben!"

Die angekündigte Brandrodung hat niemanden enttäuscht, die Zuschauer stehen hinterher Schlange, Neugirg signiert sein neues Buch "Tusch eineinhalbmal" (erschienen im Buch & Kunstverlag), die Kapell'n spielt im Foyer nochmal auf, und jetzt kann Weihnachten kommen: Wir wissen, was dahinter steckt.
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