Vom Bordell zum Schafsfell

In der alten Reichsstadt Nürnberg wandelte das Siber-Fähnlein auf mittelalterlichen Pfaden. Bild: rlö
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
11.01.2015
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Hurentöchter, Rotlichtviertel, Sex und Liebe im Mittelalter - dieses pikante Thema prägte den Jahresausflug der Historischen Gruppe Stiber-Fähnlein. Er führte heuer in die alte freie Reichsstadt Nürnberg.

(rlö) Strenge und Pragmatismus bestimmten schon im 14. Jahrhundert den Umgang mit der Sexualität und der freien Liebe, wie eine versierte Stadtführerin den Teilnehmern an authentischen Schauplätzen verdeutlichen konnte.

Nach bequemer Anfahrt per Pendolino und U-Bahn startete die "anrüchige" Themenführung am eindrucksvollen Ehebrunnen beim Weißen Turm. Dieses Bronze-Kunstwerk zeigt in drastischer Bild- und Formensprache die verschiedenen Phasen einer Ehe von paradiesischen Flitterwochen bis hin zur Hölle auf Erden. Passend dazu hörten die Teilnehmer einige Verse aus dem über 600 (!) Reime umfassenden Ehe-Klagelied des weltbekannten Nürnberger Mittelalter-Dichters Hans Sachs.

Ins Rotlichtviertel

Ein Abstecher ins heutige Nürnberger Rotlichtviertel durfte nicht fehlen, ehe die über 40-köpfige Ausflugsgruppe dann endgültig ins Mittelalter abtauchte. In der Frauengasse schilderte die Stadtführerin am einstigen Standort des "Frauenhauses" hochinteressante Details zum Thema, für das das historische Nürnberg geradezu prädestiniert erschien. Unterhielten die freien Reichsstädter doch bis ins 17. Jahrhundert hinein in dieser Gasse eines der größten Bordelle Europas.

Nicht zuletzt auch deshalb, um dem in die Hunderte gehenden männlichen Tross des Kaisers bei den regelmäßig stattfindenden Reichstagen auch eine standesgemäße Auswahl "freier Frauen" anbieten zu können.

Erst die Reformation machte dem städtischen Bordellwesen ein Ende und verbannte 1625 die "Hurentöchter" aus dem Kernbereich der Altstadt in jenes Viertel, in dem die käuflichen Damen auch heute noch anzutreffen sind.

Ein Verbrechen

Bei ihrem Rundgang erfuhren die Besucher nebenbei Interessantes über das florierende Nürnberger Handwerkswesen, und auf dem Weg über das einstige Badehaus Richtung Henkersteg blieb auch das Tabuthema Homosexuelle nicht außen vor.Liebe unter Gleichgeschlechtlichen galt im Mittelalter als eines der verabscheuungswürdigsten Verbrechen, überführte Homosexuelle landeten unweigerlich auf dem Scheiterhaufen. Es sei denn, der Henker war gerade ledig und unter den weiblichen Delinquenten fand sich eine, die ihm zusagte, Die durfte er dann begnadigen und heiraten.

Am Brautportal der Sebalduskirche endete die "Tour d' amour", und von dort waren es nur noch wenige Schritte zu "Finyas Taverne", wo die Stiberer den Tag bei Kerzenschein, auf Holzbänken und Schafsfellen ruhend, mit mittelalterlichen Schlemmereien stilvoll ausklingen ließen.
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