Von der Heiligen zur Hexe

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
09.02.2015
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Ihr Wissen war begehrt, ihre Hand zupackend, ihr Leben jedoch ständig in Gefahr: Die Rolle der Frauen bei der Krankenpflege und der Geburtshilfe im Mittelalter beleuchtete eine Historikerin beim evangelischen Dekanatsfrauentag.

Geschichtswissenschaftlerin Nadja Bennewitz stellte die Medizin und die Krankenpflege im Spätmittelalter dar, also vor etwa 500 bis 600 Jahren. "Damals war das ganze Leben von religiösen Anschauungen durchdrungen", erklärte sie. "So galt Krankheit einerseits als Konsequenz aus der Erbsünde, andererseits aber auch als besondere göttliche Gnade, als Möglichkeit, schon zu Lebzeiten Sünden abzubüßen."

Die Sterbenden begleiten

In den Spitälern, die in den Städten ab etwa 1300 gegründet wurden, seien Frauen für die Arbeit am Patienten zuständig gewesen. Manches sei in all den Jahrhunderten gleich geblieben, führte Bennewitz aus. "Die Frauen arbeiteten im Schichtdienst und die Pflege war unterbesetzt." Die Frauen hätten sich aber nicht nur um die Kranken gekümmert, sondern auch Leitungsfunktionen inne gehabt. So habe eine "Schauerin" die neuen Patienten begutachtet, um zu verhindern, dass ansteckende Krankheiten eingeschleppt wurden. Der medizinische Kenntnisstand sei gering gewesen, zumal die in den Spitälern beschäftigten Frauen keine Ausbildung hatten, sondern nur aus der Praxis lernten. "Aber die damalige Medizin und Fürsorge war ganzheitlich orientiert", sagte Bennewitz. "Das wichtigste Heilmittel war eine vernünftige Lebensführung, die Einhaltung des rechten Maßes beim Essen, Trinken, Schlafen, bei der Bewegung und der Anwendung von frischer Luft". Daneben sei den Frauen in den Spitälern und in den Familien die Aufgabe zugekommen, die Sterbenden zu begleiten, die Leichen für das Begräbnis vorzubereiten und die Toten zu beweinen.

Mut für die Schwangeren

"Zwar gab es akademisch ausgebildete Ärzte, aber ihre Dienste waren teuer, und vor allem auf dem Land vertrauten die Menschen auf Kräuterfrauen", erklärte die Historikerin. Die Geburtshilfe sei bis weit ins 18. Jahrhundert immer in den Händen von Hebammen gelegen. Wie Bennewitz erläuterte, gibt es aber wenig schriftliche Quellen darüber.

Informationen ließen sich mittelalterlichen Heiligenbildern entnehmen. Bennewitz zeigte eine Darstellung der Mariengeburt aus dem frühen 16. Jahrhundert. Dabei war zu sehen, dass Anna aufrecht im Bett sitzt, damit das Blut besser abfließen kann, während eine Frau ihr einen Teller Suppe reicht. Eine andere badet die neugeborene Maria. Ihr assistiert ein junges Mädchen. "Das zeigt, dass eine Wöchnerin nicht allein gelassen wurde, sondern dass Nachbarinnen und Verwandte ihr beistanden."

Ob bei Krankenpflege oder Geburtshilfe - immer hätten die Patienten die Heiligen angerufen. "Aus Darstellungen der schwangeren Maria und Elisabeth konnten die Frauen Trost und Mut schöpfen. Das war wichtig in einer Zeit, als jede Schwangerschaft lebensgefährlich und die Mütter- und Kindersterblichkeit sehr hoch war." Dekan Karlhermann Schötz erinnerte daran, dass Frauen jahrhundertelang als Hexen verfolgt worden seien. Vor allem, wenn sie über Heilwissen verfügten.

Mit den Worten "Ich engagierte mich gern für Frauen", stellte sich die Frauenbeauftragte des Dekanats, Gabi Müller, vor. Es sei ihr Anliegen, sichtbar zu machen, wie viel Arbeit in der Gesellschaft von Frauen geleistet wird. Pfarrerin Heidi Gentzwein aus Schwarzenfeld ging in einer Andacht auf drei Berichte aus den Evangelien ein, wie Jesus kranke Frauen heilt. "Diese Geschichten zeigen, dass Jesus uns heil machen will an Leib und Seele", sagte sie, "er erkennt unser ganzes Wesen." Mit einem Gebet und einem Segen schloss Diakonin Irene Elsner die Tagung ab.
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