Vortrag von Dr. Ittai Joseph Tamari - Spezialist für den hebräischen Buchdruck
Schriftstücke für jedermann

"Jeder fromme Jude in der ganzen Welt kennt Sulzbach", erklärte Dr. Tamari bei seinem Vortrag. Bild: gac
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
23.09.2015
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"Dr. Ittai Joseph Tamari ist der Spezialist für den hebräischen Buchdruck in Europa", sagte Stadtarchivar Johannes Hartmann zur Begrüßung und weckte damit hohe Erwartungen für einen Vortrag in der ehemaligen Sulzbacher Synagoge. Schließlich war Sulzbach nach Antwerpen, Venedig und Prag der viertgrößte Druckort für hebräische Bücher weltweit.

Wie konnte die winzige Sulzbacher Gemeinde, ohne Talmudschule, ohne berühmte Rabbiner und Wissenschaftler und ohne direkten Zugang zu internationalen Verkehrswegen solche Bedeutung erlangen? Zwei Faktoren waren im wesentlichen dafür verantwortlich: die religiöse Toleranz der pfalz-sulzbachischen Herzöge und die erfolgreiche Geschäftsstrategie der jüdischen Druckunternehmer. Im Herzogtum ließ man im 17. und 18. Jahrhundert die Juden in Frieden ihren Geschäften nachgehen. Das zog Drucker und Setzer an, die aus Metropolen wie Prag und Wien vertrieben worden waren.

Mit Hilfe dieser hochqualifizierten Flüchtlinge konnten die Sulzbacher Druckunternehmer mit kleineren Lettern und viel weniger Rand drucken als ihre Wettbewerber. Das sparte teures Papier. Die Sulzbacher Ausgaben waren nämlich keine hochwertigen Sammlerstücke, sondern Discount-Produkte für jedermann.

Dr. Tamari zeigte verschiedene typische Erzeugnisse: Talmudausgaben, religiös-philosophische Werke und Unterhaltungsliteratur. Typisch für religiöse Werke war, dass der hebräische Text in der Mitte der Seite platziert wurde und ringsherum von Kommentaren umgeben war. Unten stand die in sogenannten "weiberdeutschen" Lettern gesetzte jiddische Übersetzung. Die weitaus meisten Leser konnten allerdings nur diesen Teil lesen.

Weil die Sulzbacher Ausgaben damals mit schlechtem Papier und billigen Einbänden aus Pappe hergestellt wurden, sind gut erhaltene Exemplare sehr selten und entsprechend teuer. Umso größer ist das Glück, von dem Stadtheimatpfleger Dr. Markus Lommer berichtete. In einem New-Yorker Antiquariat wurde ein gutes Stück angeboten, und der Buchhändler war so begeistert von dem Gedanken, dass das Buch nach Sulzbach zurückkehrt, dass er einen Preisnachlass gewährte. "Sulzbach ist für Juden weltweit ein Traumort", kommentierte Dr. Tamari.
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