Watschn keine große Affäre

Klaus Kreil (zweite Reihe von oben, rechts) sang Mitte der 50er Jahre im Konzertchor der Domspatzen. Auf dem Bild dirigiert Domkapellmeister Professor Theobald Schrems. Bild: privat
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
27.02.2015
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Die Schläge bei den Regensburger Domspatzen - natürlich gab es die, sagt Klaus Kreil, der von 1954 bis 1958 in dem Chor sang. Aber dass man darüber Jahrzehnte später noch klagt, geht ihm nicht ein. Er betont: "Ich bin dankbar und froh und stolz, dass ich bei den Domspatzen war."

Klaus Kreil hat vor dem Gespräch mit der SRZ noch einmal mit seinem Bruder Karl-Heinz telefoniert, der heute in Koblenz lebt. Denn der hat die Zustände in Etterzhausen, um die sich die Vorwürfe der letzten Tage drehten, direkt miterlebt. Die Einschätzung von Karl-Heinz Kreil habe gelautet: "Die Erziehung dort war wie überall. Es stimmt, wir haben Watschn bekommen, sie aber hingenommen." Dass die Eltern Karl-Heinz später wieder nach Hause holten, habe nichts mit Vorkommnissen in Etterzhausen zu tun gehabt, sondern mit dem starken Heimweh, das er nach dem Wechsel ans Regensburger Domgymnasium hatte.

"Wir waren Hundskrüppel"

Das entspricht auch der Erinnerung von Klaus Kreil: Eine Watschn hatte man sich bei den Domspatzen schnell eingehandelt. Selten ohne Grund: "Wir waren ja auch Hundskrüppel." Diese Zustände hätten sich aber nicht von den an anderen Schulen unterschieden. "Gelobt sei, was hart macht" - diese Maxime habe damals die Pädagogik geprägt. Das Schlagen sei weit verbreitet gewesen, vor allem bei Lehrern, die den Krieg miterlebt hatten. Kreil erklärt sich das auch mit den Verhältnissen in der Sulzbacher Volksschule, wo Anfang der 50er-Jahre ein Lehrer vor- wie nachmittags 50 Kinder in der Klasse hatte. "Die mussten sich mit härteren Mitteln durchsetzen."

Der Pädagoge Kreil verteidigt das nicht. "Körperliche Züchtigung und Angst sind untaugliche Erziehungsmittel", sagt er. Die antiautoritäre Erziehung hält er allerdings ebenso wenig für zielführend. Er schwört stattdessen auf den goldenen Mittelweg und den gesunden Menschenverstand, "wobei das gegenseitige Vertrauen und die Zuneigung von Kind und Erzieher im Mittelpunkt stehen muss". Kreils Erfahrung bestätigt: "Wenn man als Lehrer eine Klasse hat und ist ihr Freund oder nimmt eine Vaterrolle ein, dann bleibt auch mal ein Schubser ohne Folgen."

Bei den Domspatzen, so sieht es Kreil heute, habe es unheimlich viel Disziplin gebraucht, um den weltberühmten Chor auf dem hohen Leistungsniveau zu halten. Die Lehrer seien selbst unter gewaltigem Druck gestanden, den sie an die Schüler weitergaben. "Das haben wir Buben schon als Plage empfunden." Auf den anstrengenden Konzertreisen - bis nach Spanien und Italien - sei aber tatsächlich nur durch viel Fleiß und Konzentrationsfähigkeit die geforderte Leistung herauszukitzeln gewesen. Er selbst hätte als Bursche aus der Provinz sonst nirgendwo auf diesem Niveau Violine, Posaune und Klavier lernen können, meint Kreil.

Nie wieder so viel gelernt

"Und im Domgymnasium habe ich in den vier Jahren so viel gelernt wie sonst nie wieder in meinem Leben." Die Lehrer hätten die Schüler dabei natürlich nicht geschont. Mit einer Folge, die Kreil willkommen war: Als er ans Amberger Gymnasium zurückging, war er - vorher ein mittelmäßiger Schüler - in Griechisch plötzlich so gut, dass er bis zum Abitur nichts mehr lernen musste.

Ärger über Schmerzensgeld

Der 74-Jährige will seine Jugendzeit nicht verklären: "Wir sind hart behandelt und schikaniert worden. Aber wir haben das ertragen, weil wir die Chance hatten, was zu werden. Deshalb haben wir das stillschweigend in Kauf genommen." Die harte Erziehung habe geholfen, gut durchs Leben zu kommen. Deshalb ärgert es Kreil, wenn nach Jahrzehnten Beschwerden über die Zustände bei den Domspatzen kommen und wenn die 72 Schüler aus Etterzhausen, die sich damit an das Bistum wandten, jeweils 2500 Euro Schmerzensgeld erhalten. "Alle waren freiwillig dort", sagt Kreil. "Und warum haben sie ihren Eltern damals nichts erzählt?" Seine Eltern, so Kreil, hätten seinen Bruder nach Hause geholt, als er das Heimweh und die Strenge im Domgymnasium nicht mehr ertrug. "Haben andere Eltern geschlafen?"

Klaus Kreil plädiert dafür, sich vor einem Urteil über die Vorkommnisse bei den Domspatzen erst in die damalige Zeit reinzudenken "und dabei nicht mimosenhaft empfindlich zu sein". Er fragt sich auch, wie die Gegenwart einmal im Rückspiegel aussehen wird: "Meine Generation hat die große Schuldenlast angehäuft und die Umweltzerstörung verursacht. Was werden spätere Generationen über uns sagen?"
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