Wenn jede Minute zählt

Ein total demoliertes Auto nach einer Kollision. Eine rasche und zielgerichtete Erstversorgung sowie ein schneller Transport in ein geeignetes Krankenhaus steigert die Überlebens-Chancen der Traumapatienten. Dieser Thematik wollen sich heuer die Ärztlichen Leiter Rettungsdienst (ÄLRD) besonders annehmen. "Die Traumaversorgung ist ein wissenschaftliches Gebiet und ureigenste Aufgabe der Unfallchirurgie", erklärt Privatdozent Dr. Torsten Birkholz. "Doch in der Präklinik betrifft es alle Arzt-Gattungen." Sym
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
16.03.2015
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Dr. Torsten Birkholz, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst: "Der am schwersten Verletzte muss zuerst abtransportiert werden - ins nächstgelegene Traumazentrum."

Die Wucht des Aufpralls ist immens, ein Auto bohrt sich mehr als einen halben Meter in ein anderes: Frontalzusammenstoß auf einer Überlandstraße. Allein diese Tatsache lässt Rettungskräfte erahnen, wie schwer oder gar lebensbedrohlich die Opfer des Unfalls verletzt sein müssen. Jetzt zählt jede Minute - Mediziner sprechen von der "goldenen Stunde".

Privatdozent Dr. Torsten Birkholz erklärt, was es mit "The golden Hour of Shock" auf sich hat. Sie ist keine starre Vorgabe, sondern eher eine Richtzeit: Innerhalb von 60 Minuten sollte ein Traumapatient nach dem Unfall in einem Krankenhaus angekommen sein - in einem, das ihn adäquat versorgen kann.

Leitlinie optimal umsetzen

Torsten Birkholz ist einer von drei Ärztlichen Leitern Rettungsdienst (ÄLRD). Ihm und seinen beiden Kollegen Marc Bigalke und Dr. Michael Dittmar ist die notfallmedizinische Versorgung von Menschen ein wichtiges Anliegen. Heuer wollen sie sich schwerpunktmäßig dem Trauma und damit der Versorgung Schwer- und Schwerstverletzter widmen.

Ein Fokus liegt darauf, dass die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) herausgegebene S 3-Leitlinie - und damit eine auf der höchsten Stufe wissenschaftlicher Empfehlungen - zur Behandlung von Schwerstverletzten und Polytrauma sowie die Empfehlungen des Weißbuchs der Schwerverletzten-Versorgung optimal umgesetzt werden, erklärt Birkholz. Rasche und zielführende Versorgung am Unfallort, schnellstmöglicher Transport in das nächstgelegene Traumazentrum: Dies ist laut Birkholz enorm wichtig. Wie der erfahrene Notarzt ausführt, enthält die S 3-Leitlinie allein 66 Empfehlungen für die präklinische Versorgung der Traumapatienten. Dies sei ein "sehr guter fachlicher Unterbau".

Sind mehrere Verletzte zu beklagen, erfolgt eine Triage. Dieser Begriff bezeichnet die ärztliche Sichtung der Opfer und die Klassifizierung, ob Menschen leicht, mittel, schwer oder lebensbedrohlich verletzt sind. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß der Anästhesist, dass eine gewisse Anzahl von Opfern als Traumapatienten eingestuft werden, die es gar nicht sind. Dies bezeichnet man als Übertriage. "Die liegt bei ungefähr 50 Prozent." Eines macht Torsten Birkholz aber auch deutlich: "Schlimmer wäre es, eine lebensbedrohliche Verletzung nicht als solche zu erkennen." Dann nämlich würden andere Opfer vorrangig weggebracht. "Der am schwersten Verletzte muss zuerst abtransportiert werden - ins nächstgelegene Traumazentrum."

Bei einer Vielzahl von Verletzten können nicht alle in ein und das selbe Krankenhaus gebracht werden. "Mehr als zwei Schwerstverletzte gleichzeitig, da geraten die Häuser schnell an Kapazitätsgrenzen", sagt Birkholz. Vielfach würden Unfallopfer mit Rettungshubschraubern in überregionale Traumazentren geflogen werden, zum Beispiel in die Unikliniken Erlangen oder Regensburg.

Im Team trainieren

Sind die Verletzungen so massiv, dass Lebensgefahr besteht, nennt die Medizin dies ein Polytrauma. Aufschlüsse darauf können bereits Unfallmechanismen geben: ein Sturz aus über drei Metern Höhe, ein Frontalaufprall, bei dem ein Fahrzeug 50 bis 75 Zentimeter eingedrückt wird, oder ein so heftiger Aufschlag, dass sich die Geschwindigkeit um mehr als 30 km/h verringert. Traumapatienten am Unfallort rasch, zielführend und optimal zu versorgen, das können die Rettungskräfte trainieren. Birkholz spricht von standardisierten Kursformaten wie PHTL (Prehospital Trauma Life Support) und ITLS (International Trauma Life Support). "Das trainiert man am besten im Team", sagt der Anästhesist. Auch darauf wollen die ÄLRD ein spezielles Augenmerk legen.
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