Ziemlich beste Feinde

Lokales
Sulzbach-Rosenberg
30.01.2015
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Zähne sollen ausgeschlagen worden sein, auch ein blaues Auge steht in den Akten. Hinzu kam jetzt ein übel lädiertes Knie. Bilanz eines Nachbarschaftsstreits, der seit vielen Jahren offensichtlich nicht nur mit Drohungen und Schmähworten geführt wird.

Beobachter des Prozesses sahen sich an und raunten einander fassungslos zu: "Oh Gott!" Denn was sich in einem Dorf in nordwestlichen Landkreis seit rund 15 Jahren abspielt, ist eine Fehde, die man im eigenen Umfeld nie haben möchte. In der Straße des durch permanenten Zwist geprägten Geschehens kommt das Wort "Sonne" vor. Der Begriff "Dunkelweg" wäre besser angesichts dessen, was bisher geschehen ist.

Ein 66-Jähriger auf der Anklagebank. Der Amtsrichterin Jacqueline Sachse schilderte er sein Leid, berichtete von zwei angeblich an ihm verübten Körperverletzungen (ausgeschlagene Zähne, ein blaues Auge) und rügte, dass die Staatsanwaltschaft "beide Verfahren eingestellt hat". Die ganze Misere habe begonnen, als vor anderthalb Jahrzehnten ein Nachbar zuzog. Ab dann sei nichts mehr so gewesen wie davor.

Worauf man zum Kernpunkt kam, den Staatsanwalt Stefan Schneider zu Beginn des Prozesses als "gefährliche Körperverletzung" eingestuft hatte. Das könne er so nicht gelten lassen, entgegnete der Rentner und schilderte aus seiner Sicht, was sich an einem Juniabend vergangenen Jahres zutrug. Der Mann will auf seiner Terrasse die Eröffnung der Fußball-WM gesehen haben, als plötzlich der von ihm nicht sonderlich geschätzte Nachbar ("Zu dem gibt es kein Verhältnis") mit einem Traktor draußen auf der Straße vorfuhr.

"Ich schlag' dich tot"

Der dadurch verursachte Lärm habe ihn von der TV-Übertragung nichts mehr hören lassen, vernahm die Richterin vom Angeklagten. Und weiter: "Ich bat um Ruhe. Doch er hat gesagt: Halt's Maul oder ich schlag' dich tot." Was dann geschah, interessierte die Vorsitzende im Detail: Der Rentner zog sich zurück und kam mit einer Eisenstange wieder. Die hatte er nach eigenem Bekunden für den Fall parat gelegt, dass er sich wehren müsse. Das gab er zu.

Und dann? "Er hat mich angegriffen." Was geschah anschließend? "Ich habe ihm die Stange ans Bein geschlagen." Der Hieb (unbestritten im Prozess) traf das Knie des Kontrahenten. Er laboriert bis heute an der ihm zugefügten Verletzung. "Aus Notwehr", wie der 66-Jährige geltend machte.

Der Kontrahent schilderte den Ablauf völlig anders. "Ich wollte eine Rüttelplatte abladen. Da kommt der mit einer einen Meter langen Eisenstange und haut zu." Ob er seinen Nachbarn attackiert habe, wollte die Richterin wissen. "Keinesfalls" vernahm sie und erhielt weitere Einzelheiten: "Ich bin unter meinen Ladewagen gekrabbelt und hab' um Hilfe gerufen." Die kam dann auch. In sichtbarer Form von vier anrückenden Streifenwagenbesatzungen der Polizei. Den Beamten hatte der 66-Jährige zunächst erzählt, er wisse nichts von einer Eisenstange. Vor der Richterin räumte er jetzt seine Bewaffnung ein. Auf Notwehr pochte der Mann weiter und fügte, mit Blick auf seinen Nachbarn, hinzu: "Mit dem bin ich ohnehin genug gestraft."

Doch keine Notwehr

"Von Notwehr keine Rede", konstatierte Staatsanwalt Schneider und hielt den Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung für erfüllt. Für den bisher nicht vorbestraften Rentner forderte er sieben Monate Haft mit Bewährung. Damit ging Schneider über die Ahndungshöhe in einem vorab gegen den Mann ergangenen Strafbefehl hinaus. Dort waren sechs Monate verhängt worden.

Völlig anders sah Verteidiger Andreas Taubmann den Ablauf des tätlichen Nachbarschaftsstreits. "Mein Mandant musste sich wehren", sagte er und verlangte Freispruch. Doch die Richterin stellte sich im Urteil voll hinter den Antrag des Anklagevertreters: "Sieben Monate mit Bewährung." Gleichzeitig entschied sie positiv über einen vom Verletzten gestellten "Adhäsionsantrag". Darin wird die Schmerzensgeldfrage geregelt. Der 66-Jährige muss 3350 Euro an seinen Nachbarn zahlen und außerdem alle weiteren Kosten tragen. Das könnte teuer werden. Denn der Hieb mit einer Eisenstange zog fünf Wochen Krankschreibung nebst diversen Behandlungen nach sich.
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