Zu Fuß durch halb Europa

Die beiden Wandersburschen mit Gitarre in der ungarischen Einsamkeit.
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
08.01.2015
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Franz Sommer im feinen Anzug mit Spazierstecken nach seiner Rückkunft von der "Walz". Repro: Gebhardt

"Gesungen und gespielt, das ganze Dorf ist zusammengelaufen": Ein Tagebucheintrag, geschrieben vor 85 Jahren in Ungarn. Franz Sommer und sein Kumpel Fritz Dorn marschierten 1929 etwa 2400 Kilometer von Sulzbach bis in die Schweiz. Die jetzt wiederentdeckten Aufzeichnungen lassen ihre Erlebnisse erahnen.

Die Wanderung kam jetzt durch Zufall ans Licht, als einer von Franz Sommers Söhnen, Konny (62), die Aufzeichnungen wiederentdeckte. 85 Jahre nach der Rückkehr von der "Walz" besteht nun Gelegenheit, die Erlebnisse, ein Stück Stadtgeschichte, auch den Zeitungslesern zugänglich zu machen. Denn gewiss werden sich noch manche an Franz Sommer erinnern, der 1957 früh verstorben ist.

Schreiner hatte der Sommer-Franz gelernt und dann Maurer: Er ist einer der Ahnherrn der bis heute hier bekannten Maler- und Maurer-Dynastie. Am 27. August 1906 kam er auf die Welt in Sulzbach, das man damals noch ohne "Rosenberg" schrieb.

Mit 16 Jahren trat er in den Katholischen Gesellenverein ein, einem Vorläufer der heutigen Kolping-Familie. Mit seinem Freund Fritz Dorn fasste er 1929, mit noch nicht ganz 23 Jahren, wohl aus wirtschaftlichen Gründen den Entschluss, hinaus zu reisen in die Welt - natürlich hauptsächlich zu Fuß, denn Geld besaßen der Schreiner und der Mechaniker sehr wenig. Im Gepäck hatte jeder das Wanderbuch des Katholischen Gesellenvereins, das in vielen Ländern Türen öffnete zu ähnlichen Vereinen. Der Sulzbacher Präses hatte Franz Sommer ein gutes Zeugnis hineingeschrieben. Viele Übernachtungsstempel lassen heute noch den Weg nachvollziehen.

Am 8. Mai ging es los Richtung Regensburg ("unsere Kreishauptstadt") und Kelheim, dann donauabwärts über Straubing, Plattling, Vilshofen nach Passau. In Österreich herrschten raue Sitten: bis zu sechs Kontrollen am Tag für die Wanderburschen, "dabei zweimal den Muckel (Tornister) durchstöbern lassen müssen!", vermerkte Franz Sommer akribisch im Tagebuch, das der SRZ vorliegt.

Ohne Moos nix los

Nach drei Tagesmärschen in Linz angekommen, beschlossen die beiden, per Dampfer nach Wien zu reisen. Acht Schilling, und ein herrlicher Tag auf dem Fluss belohnte sie. Doch das viel besungene Wien enttäuschte sie zunächst: "Aber ein Wandergeselle ist eben kein Großkapitalist, und ich meine, dass nur der in Wien die Gemütlichkeit finden kann, der über das nötige Kleingeld verfügt", hat Franz Sommer resignierend notiert.

Mit ihren Pässen samt ungarischem Visum kamen sie problemlos ins Land der Magyaren. In Györ fanden sie einen Dolmetscher und bekamen den ersten von vielen österreichischen, ungarischen und Südtiroler Vereinsstempeln in ihr Wanderbuch, meist von Gesellenvereinen.

Die beiden Sulzbacher erfuhren sehr viel Freundlichkeit in Ungarn, sie bekamen Nachtlager, Essen, Kaffee und auch Wein. Sommer und Dorn revanchierten sich mit Musik: Sie sangen und spielten sich mit ihren Gitarren so durch halb Europa. Sogar in einer Fronleichnamsprozession in Estergom marschierten sie. Überhaupt legten sie ordentliche Strecken zurück, oft über 60 Kilometer am Tag. Manchmal nahm sie eines der seltenen Auto ein Stück mit. In Budapest wohnten sie zwei Tage im Zentralvereinshaus.

Sie verließen tief beeindruckt die "schönste Stadt Europas" Richtung Plattensee. "Bald war bekannt, dass in der Wirtschaft zwei deutsche Minnesänger sind, und das Gaststüblein füllte sich in kurzer Zeit. Wir mussten natürlich singen und spielen", schildert Sommer einen typischen Abend in Ungarn. "Mit Wein und Zigaretten wurden wir so überhäuft, dass wir es gar nicht wegkriegen konnten!"

Endstation Ravensburg

Konny Sommer hat die Reise seines Vaters genau nachrecherchiert. Deswegen wissen wir, dass die beiden Wanderburschen Richtung Graz marschierten, über Köflach und St. Veit Ende Juni in Lienz landeten, dann über Bruneck nach Bozen, Meran bis in die Schweiz nach Davos und Luzern kamen.

Friedrichshafen am Bodensee und Ravensburg hießen am 6. August die Endstationen - nach den 340 Kilometern ab Budapest. Und da war der Franz Sommer noch immer keine 23 Jahre alt.
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