Zufall war glückliche Fügung

Nach 28 Jahren an der Spitze des Kinderschutzbunds gibt Karin Meixner-Nentwig am Freitag bei der Mitgliederversammlung ihr Amt ab. Doch engagieren will sie sich auch weiterhin, zum Beispiel im Amberger Bündnis für Familien. Bild: Steinbacher
Lokales
Sulzbach-Rosenberg
09.06.2015
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Lediglich aus Neugier ging sie zum ersten Treffen. Dann hob sie den Verein mit aus der Taufe, wurde sogleich zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Und übernahm ein halbes Jahr später die Verantwortung. Zwischenzeitlich sind 28 Jahre ins Land gezogen. Und Karin-Meixner Nentwig wundert sich, wo all die Zeit geblieben ist.

Wenn der Kinderschutzbund am Freitag, 12. Juni, seine Mitgliederversammlung abhält, wird die langjährige Vorsitzende Karin Meixner-Nentwig nicht mehr für ein Amt kandidieren. 28 Jahre lang füllte sie ihren Posten an der Spitze aus, dabei war sie eher durch Zufall dazu gekommen.

Angefangen hatte alles mit einer Zeitungsnotiz. Karin Meixner-Nentwig las, dass ein Kinderschutzbund in Amberg gegründet werden sollte. Heute gesteht sie, dass sie damals mit dem Begriff herzlich wenig anfangen konnte. "Als dreifache Mutter war ich der Meinung, wir schützen unsere Kinder ausreichend." Aus purer Neugier ging sie zu dem ersten Treffen. Dort referierte ein Vertreter des Landesverbandes. Denn bayernweit gab es damals 30 Orts- und Kreisverbände, "Unsere Region war ein weißer Fleck auf der Landkarte."

Erst in der zweiten Reihe

An Ende der Versammlung stellte sie fest, dass sie durchaus auch für die Erziehung ihrer drei Kinder, die damals im Teenager-Alter waren, so einiges an Erkenntnissen gewinnen konnte. "Man sieht dann auch bei sich selbst Defizite, zum Beispiel, welche Dinge man besser machen könnte." In Karin Meixner-Nentwig reifte der Entschluss, sich für den Kinderschutzbund zu engagieren. "Ich wollte da mitmachen, aber erst mal nur in der zweiten Reihe." Das erste halbe Jahr war sie im Vorstand die Stellvertreterin. Doch als der damalige Vorsitzende nach einem halben Jahr wegzog, rückte sie an die Spitze auf.

"Ich muss schon sagen, wir haben eine ganze Menge bewegt", bilanziert sie heute zufrieden. Die langjährige Vorsitzende blickt auf die anfängliche Arbeit zurück. Sie und ihre Mitstreiter erfuhren plötzlich so manche Dinge, wo etwas falsch lief. Zum Beispiel, dass Übergänge vor Kindergärten und Schulen ungesichert waren. Eine Mutter erzählte ihnen, dass in der Schule die Lehrerin mit dem Schlüsselbund nach Kindern warf, die Schüler zur Strafe in der Ecke stehen mussten. Und die Vorsitzende selbst sah auch so einiges, was verbesserungswürdig war. Zum Beispiel die Problematik des Stillens und Wickelns. Da dies damals Mütter häufig irgendwie im Auto bewerkstelligen mussten, wurde die erste Still- und Wickelstube eingerichtet.

Spielplätze unter der Lupe

Außerdem nahm sich die Organisation die Kinderspielplätze vor. "Da gab's wirklich Defizite, da war einiges nicht kindgerecht", erklärt Meixner-Nentwig. So stand ein wackeliger Kletterturm auf einem Betonsockel. "Am meisten hat mich aber erschüttert, dass bei vielen Spielplätzen damals außen rum Sträucher mit giftigen Beeren als Einfriedung wuchsen." Gang und gäbe sei es gewesen, Hunde in die Anlagen zu lassen, vielfach fanden sich Zigarettenkippen in den Sandkästen, weil die Mütter daneben saßen und rauchten. Heute freut sich Meixner-Nentwig, dass sich diesbezüglich viel verändert hat, der Kinderschutzbund bei der Landesgartenschau 1996 mitgeplant hat und für den Abenteuerspielplatz den Künstler Eckart Brandau mit ins Boot holte. Dieser habe eines erkannt: "Sand, Wasser, Steine und Holz: Damit können Kinder sehr kreativ sein."

Kreativ war der Kinderschutzbund auch, wenn es darum ging, Gelder für seine Arbeit zu generieren, unter anderem mit der caritativen Parkuhr. Diesem Beispiel folgten längst auch andere Städte. "Bei uns gibt es sie heute noch", sagt Karin Meixner-Nentwig und erinnert sich, dass das dem Kinderschutzbund einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) einbrachte - ein dort tätiger Journalist hatte die Parkuhr entdeckt, als er einmal in Amberg war.

Angesichts der geänderten Familienstrukturen, einer Zunahme an Trennungen und Scheidungen (und damit auch an Alleinerziehenden) habe der Kinderschutzbund einige Projekte ins Leben gerufen, um die Familien bestmöglich zu unterstützen, erklärt Meixner-Nentwig. Sie zählt auf, wofür die Organisation stand und heute noch steht: Besuchsdienst für Kinder im Krankenhaus, Ausbildung und Vermittlung von Babysittern und ein Notmütter-Projekt, das laut Meixner-Nentwig der Vorläufer von Tagesmüttern ist. Der Kinderschutzbund richtete eine Gruppe für Trennungs- und Scheidungskinder ein. "Es ist nämlich so, dass in diesen Situationen die Kinder so gut wie gar nicht beachtet werden." Für den ganzen ostbayerischen Raum betreuen die Amberger ein Notruf-Telefon für Eltern und Erzieher. "Das ist schon ein Riesen-Einzugsgebiet", meint die Vorsitzende und nennt eine Zahl, die überrascht: 40 Prozent der Anrufer seien Männer.

Zur Kinderbetreuung, die die Organisation anbietet, kommt längst die zweite Generation, also die Kinder derjenigen, die selbst einmal dort waren. Die Familienpaten sind ein weiterer Baustein, um Eltern zu unterstützen. "Inzwischen haben wir dafür 47 ausgebildete Kräfte", sagt Meixner-Nentwig stolz. Die 28 Jahre sind für sie fast wie im Flug vergangen, doch bereut hat sie ihr Engagement nie. "Ich wäre nicht die, die ich heute bin, wenn ich das nicht gemacht hätte."

Im Bündnis für Familien

Auch wenn sie nach dem 12. Juni nicht mehr Vorsitzende des Kinderschutzbundes ist, einsetzen will sie sich weiterhin. Zum Beispiel im Amberger Bündnis für Familien. "Da mache ich auf jeden Fall weiter." Und dann liegt ihr noch der Bereich Inklusion am Herzen. Die Barrierefreiheit genauso. Und die Flüchtlingskinder sowieso. Da glaubt man ihr gerne, wenn sie sagt: "Arbeitslos werde ich nicht sein."
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