Josef Wilfling, einer der bekanntesten Ermittler Deutschlands, erzählt aus seiner Praxis
Mord auf dem Rückzug

Jeder Mensch kann zum Mörder werden, ist Josef Wilfling überzeugt. Die meisten werden zum Glück durch eine innere Hemmschwelle - eine Art "Firewall" aus Vernunft und Moral - davor bewahrt, beruhigt er seine Zuhörer im Seidelsaal. Bild: hka
Politik
Sulzbach-Rosenberg
15.10.2016
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Im Allgemeinen sind es Batic und Leitmayr, die in Münchner "Tatorten" Morde aufklären. Im Besonderen kommt ein "echter" Kommissar in die Stadt und schildert Mordfälle, die das wirkliche Leben schrieb. Der Abend im Seidel-Saal zeigt: Die Realität ist packender als jeder Krimi.

Josef Wilfling ist einer der bekanntesten Ermittler Deutschlands. 22 Jahre lang gehörte er der Münchner Mordkommission an, rund 100 Fälle hat er gelöst. Seit seiner Pensionierung 2009 schreibt er Bücher über die Erfahrungen aus seiner Dienstzeit. Buchhändlerin Hannelore Dorner hat ihn für eine Lesung nach Sulzbach-Rosenberg geholt und stellt ihn dem Publikum im voll besetzten Seidel-Saal vor.

Seine Bücher haben die Titel "Unheil", "Abgründe" und "Verderben", und damit ist schon gesagt, worum es im Inhalt geht. Josef Wilfling aber liest nicht aus seinen Werken, er erzählt. Der 69-Jährige hat spektakuläre Fälle wie den Sedlmayr- und den Mooshammer-Mord geklärt, schnappte Serientäter wie den Frauenmörder Horst David und war auch bei den NSU-Morden tätig.

90 Prozent Routinefälle


Aber nicht alle Mordtaten, so erklärt er, könnten Krimi-Vorlagen sein. Etwa 90 Prozent seien Routinefälle. Und wie in einem österreichischen Lied müsse gesagt werden: "Das Böse ist immer und überall". Wilfling zeigt anhand von verschiedenen Fällen, wie und warum Menschen morden und ist überzeugt davon, dass jeder zum Mörder werden kann. Bei der Frage nach den Wie und Warum zeigt er auf, dass Frauen anders töten als Männer; auch, dass 90 Prozent der Morde von Männern verübt werden.

Mordwaffe aus der Küche


"Gewalt ist die Domäne der Männer" weiß er aus seinem Berufsleben. Sie würden töten "um zu behalten", zum Beispiel Frauen und Kinder. Frauen tun es, um jemand loszuwerden, etwa einen gewalttätigen Ehemann. "Die Fantasie des Menschen kennt keine Grenzen, wenn es ums morden geht", erklärt er und beschreibt die Fülle der Mordwerkzeuge, an deren erster Stelle das Küchenmesser steht.

Dass es bei allen Aufklärungserfolgen aber auch eine Dunkelziffer gibt, lässt der Experte nicht außer Acht. Man vermute, dass auf jeden entdeckten mindestens ein unentdeckter Mord fällt, dass es in Familien massenhaft Kindesmisshandlung und Tod gibt und in Altenheimen jährlich 12 000 Menschen auf unnatürliche Weise umkommen.

Wilfling schildert grausame Taten und seelische Abgründe, aber auch positive Entwicklungen. Durch die allgegenwärtigen Medien entstehe zwar ein anderer Eindruck, aber Tatsache sei: Tötungsdelikte gehen stark zurück, die allgemeine Kriminalität stagniert.

Seine gespannt lauschenden Gäste im Seidel-Saal beruhigt er: "99,99 Prozent der Menschen verlassen diese Erde, ohne Mörder geworden zu sein". Denn jeder Mensch habe eine "Firewall", eine Hemmschwelle aus Moral und Vernunft. Und als langjähriger Ermittler kann er - falls es tatsächlich zu einem Tötungsdelikt kommen sollte - beruhigen: "Wir gehen jedem Hinweis nach, gleich, ob es sich um einen Obdachlosen handelt oder um Walter Sedlmayr."

Schon öfters daSulzbach-Rosenberg kennt Josef Wilfling, weil er an der Polizei-Fachhochschule jahrelang als Gastreferent tätig war. Er schätzt die Gastronomie der Stadt wegen ihrer Qualität und - als Münchner - vor allem wegen ihrer humanen Preise. (hka)
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