Kommunikationsforscher André Haller aus Sulzbach-Rosenberg analysiert US-Wahlkampf
Wenn Roboter Meinung machen

Der US-Wahlkampf treibt aus der Sicht der Deutschen seltsame Blüten. Dazu gehören wohl auch die Wackelfiguren mit den stilisierten Köpfen der beiden Kandidaten im "White House Gift Shop" in Washington. Bild: dpa
Politik
Sulzbach-Rosenberg
04.11.2016
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"Was die Trump-Unterstützer eint, ist in erster Linie das Misstrauen gegen die Eliten, der Protest gegen das Establishment." Zitat: Dr. André Haller
 
Christl Pelikan-Geismann hält Hillary Clinton für das "kleinere Übel". Über den Wahlkampf urteilt sie: "Totale Katastrophe." Bild: Dotzler

So bekannt wie Donald Trump ist er zwar noch nicht, doch in den vergangenen Tagen war Dr. André Haller ein sehr gefragter Mann. Der 32-jährige Sulzbach-Rosenberger ist Kommunikationsforscher und Experte für den US-Wahlkampf.

Haller befasst sich an der Universität Bamberg mit politischer Kommunikation und wird gerne zu Rate gezogen, wenn es darum geht, TV-Duelle von Spitzenpolitikern zu bewerten oder Wahlkampfstrategien zu analysieren. Weil das Rennen um die Präsidentschaft in den Vereinigten Staaten heuer so skurril erscheint, steht Hallers Telefon nicht mehr still. Das Internetportal "Welt N24", der Tagesspiegel - alle wollen sie wissen, wie er die Lage einschätzt.

Meinungsroboter


"Dieser US-Wahlkampf ist tatsächlich außergewöhnlich", sagt der Kommunikationswissenschaftler, der unter anderem erforscht hat, wie sogenannte Social Bots die öffentliche Meinung manipulieren. Social Bots sind Computerprogramme, die gefälschte Profile in den sozialen Netzwerken erstellen und damit bestimmte Personen oder Meinungen unterstützen. Wer dann aus Facebook oder Twitter Trends ableitet, gerät schnell auf die falsche Fährte.

Bei der ersten TV-Debatte im US-Wahlkampf hatten Bots einer Studie der Universität von Oxford zufolge einen beträchtlichen Teil der Nachrichten zur Unterstützung der Kandidaten auf Twitter abgesetzt. Bei Donald Trump war jeder dritte Unterstützer-Tweet vorgetäuscht, jeder vierte bei Clinton. Hinzu komme, dass ein Drittel der Follower beider Kandidaten keine echten Menschen, sondern Roboter seien, sagt Haller.

"Vor zwei Jahren gingen meine Kollegen und ich davon aus, dass bei den Republikanern Jeb Bush gesetzt sei", blickt der Sulzbach-Rosenberger zurück. "Mit Trumps Kandidatur hatten die wenigsten gerechnet." Dass der hochumstrittene Milliardär von seinen Parteifreunden letztendlich doch auf das Schild gehoben wurde sei eher Ausdruck eines strukturellen Problems, als tatsächlich der Kompetenz des Kandidaten geschuldet. "Was die Trump-Unterstützer eint, ist in erster Linie das Misstrauen gegen die Eliten, der Protest gegen das Establishment." Insofern sei auch der beachtenswerte Erfolg des Demokraten Bernie Sanders bei den Vorwahlen zu erklären. "Er ist das Spiegelbild von Trump auf der anderen Seite des politischen Spektrums", erklärt Haller. In den Vereinigten Staaten herrsche eine tiefe Verunsicherung, der Nation sei der Nimbus der Supermacht abhanden gekommen. Genau diese Angst vor dem Niedergang habe die Trump-Kampagne mit dem Slogan "Make America Great Again" aufgegriffen. Dabei spielten die tatsächlichen Fähigkeiten des Kandidaten gar keine so große Rolle.

Populismus gedeiht


In Europa und speziell in Deutschland seien ähnliche Phänomene zu beobachten. Nachdem zunächst die Finanz- und Euro-Krise als existenzbedrohende Gefahren wahrgenommen worden seien, habe im vergangenen Jahr die Aufnahme von Flüchtlingen Ängste ausgelöst. "In solchen Situationen kann Populismus auf fruchtbaren Boden fallen." So erklärt Haller auch den Erfolg der AfD.

Haller hält das Rennen in Amerika nach wie vor für völlig offen. "Da ist noch alles drin", sagt er. Hillary Clintons E-Mail-Affäre könnte auf den letzten Metern den Ausschlag geben. Egal, wer neuer Präsident wird, die Sorge vor Gewaltausbrüchen nach der Wahl teilt der Politik-Experte nicht. "Das wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird." Sollte Trump gewinnen, müsse auch er sich mäßigen. "Es gibt da immer noch das System von ,checks and balance', den Obersten Gerichtshof und den Kongress als regulierende Kräfte."

Haller verfolgt die Wahlnacht an seiner Universität. Er stellt dabei die Ergebnisse einer Studie über Negative-Campaigning auf Twitter im US-Wahlkampf vor. Bevor die ersten Ergebnisse eintrudeln muss er aber schon wieder weg. Am Mittwoch ist er zu Gast bei einer Tagung in Prag.

Dr.André Haller ist in Sulzbach-Rosenberg aufgewachsen, hat 2004 am Herzog-Christian-August-Gymnasium Abitur gemacht. Anschließend studierte er Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Passau. 2013 promovierte er an der Universität Bamberg. Dort ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft.

Was die Trump-Unterstützer eint, ist in erster Linie das Misstrauen gegen die Eliten, der Protest gegen das Establishment.Dr. André Haller


Clinton gegen Trump - Vier Fragen an Christl Pelikan-GeismannTrump oder Clinton? Am Dienstag entscheiden die Amerikaner, wer von beiden ins Weiße Haus einzieht. Christl Pelikan-Geismann aus Sulzbach-Rosenberg lebte vier Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten. Aktuell weilt sie in New York. Im Interview spricht sie über "Trouble-Maker" Donald Trump und verrät, warum sie am Wahltag lieber ihren Jetlag ausschläft.

Wie haben Sie den Wahlkampf bisher erlebt?

Christl Pelikan-Geismann: Ich würde sagen, als eine totale Katastrophe. Die beiden Lager sind derartig heftig und unüberwindbar gespalten. Sie feinden sich gegenseitig so massiv an, dass Freunde, Kollegen und Familien nicht mehr miteinander reden. Ich habe sogar von Scheidungen gehört. Es herrscht eine unglaubliche Wut im Land, warum man keine besseren Kandidaten finden konnte. Jeder wartet nur darauf, dass der Alptraum bald zu Ende ist.

Haben Sie die Rede-Duelle im Fernsehen verfolgt?

Pelikan-Geismann: Ja, ich habe sie mir angehört und mich nur geärgert. Es ging immer um die gleichen negativen Dinge, ohne viel Substanz. Trump zog seine bekannten Grimassen, unterbrach Clinton und den Interviewer, der oft die Kontrolle über das Rede-Duell verlor. In der dritten Debatte hatten die Berater von Trump ihn so gedrillt, dass er anfangs fast präsidial wirkte. Aber das hielt er nicht lange aus. Im Grunde genommen brachten die Rede-Duelle gar nichts. Hinterher fühlte sich jeder als Sieger der Debatte.

Was halten Sie persönlich von den beiden Kandidaten?

Pelikan-Geismann: Das liegt klar auf der Hand. Bei Trump als Präsident hätte ich einfach nur Angst. Er ist absolut kein "Peace-Maker", sondern ein "Trouble-Maker". Es ist erschütternd zu verfolgen: je verrückter er sich aufführt, je mehr unglaubliche, unüberlegte Sprüche er von sich gibt, desto mehr wird er von seinen Anhängern geliebt.

Über Clinton wird hier so wahnsinnig viel Negatives berichtet - das kann ich nicht beurteilen. Ich denke nur, egal was stimmt oder nicht stimmt, sie ist auf alle Fälle und mit Abstand das kleinere Übel. So denken inzwischen viele Amerikaner, sie wählen Hillary, wenn auch mit Zähneknirschen. Es werden viele Stimmen verloren gehen, weil eine große Zahl der Wähler beide Kandidaten als unwählbar empfinden.

Wie verbringen Sie den Wahltag?

Pelikan-Geismann: Ich fliege bereits am Montag, 7. November, zurück nach Deutschland. Am Wahltag werde ich im Flugzeug sitzen und dann den Jetlag ausschlafen. Ich wollte es mir nicht antun, die Hochrechnungen den ganzen Tag über zu verfolgen. Dazu fehlen mir einfach die Nerven. (doz)
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