Pflegeserie des Medienhauses "„Der neue Tag“"
Wenn es nicht mehr anders geht

"Die Note ist nicht alles", gibt Heimleiter Martin Preuß unumwunden zu, "aber sie hat schon eine Aussagekraft." Das Seniorenzentrum "Am Herzogsschloss" bewertete der Medizinische Dienst der Krankenkqassen (MdK) mit einer Gesamtnote von 1,1 - dreimal 1,0 für die Kategorien "Umgang mit demenzkranken Bewohnern", "Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung" sowie Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft". "Pflege und medizinische Versorgung" wurden mit 1,2 bewertet. Bilder: Herda (2)
Politik
Sulzbach-Rosenberg
07.09.2016
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Die kleine Schaf-Ranch ist ein Hingucker für die Bewohner.
 

Die Pflege als Quadratur des Kreises: Martin Preuß, Leiter des Seniorenzentrums "Am Herzogsschloss" in Sulzbach-Rosenberg findet dennoch, dass es gelingen kann, eine Einrichtung so zu führen, dass sich die Bewohner wohlfühlen.

Herr Preuß, Deutschlands bekanntester Pflege-Kritiker Claus Fussek spricht von Fließband- und Akkordpflege, ausgebrannten Pflegekräften, tagelang ungewaschenen Patienten, Trinkverweigerung, um nicht aufs Klo zu müssen, Magensonden für Langsamesser - ein Horrorszenario oder Alltag in vielen Einrichtungen?

Martin Preuß: Das mag in einzelnen Fällen vorkommen. Für die große Mehrheit der Heime muss ich so eine Vorstellung zurückzuweisen. Vor 20 Jahren war die Situation noch eine andere. Fussek hat viel angestoßen, allerdings auch bedauerliche Einzelfälle sehr verallgemeinernd dargestellt. Es hat sich in keinem Bereich so viel Positives entwickelt wie in der Pflege. Früher gab es keine Dokumentation, da war Vieles nicht nachvollziehbar. Wir sind heute kein Altenheim mehr, sondern eine Einrichtung, die primär der Pflege gewidmet ist. Die Menschen kommen erst, wenn es nicht mehr anders geht.

Das dürfte die Pflege noch aufwendiger gemacht haben?

Das ist richtig, wir leisten eine "Rund um die Uhr"-Versorgung. Weil die Angst vor Fremdbestimmung groß ist, versuchen wir den Tagesablauf möglichst individuell zu gestalten.

Man soll ein Heim nach folgenden Kriterien aussuchen: Sitzen die Bewohner im Garten, gibt es frische Blumen am Tisch, läuft die Lieblingsmusik der Pfleger oder der Bewohner, gibt es mehr Einzel- als Mehrbettzimmer, kommen Fachärzte, arbeitet man mit einem Hospiz zusammen, kommen Angehörige? Stimmen Sie dem zu?

Das ist völlig richtig, gehen Sie mit offenen Augen durch die Einrichtung. Was sagt das Bauchgefühl? Heute können die Leute zwischen verschiedensten Ausrichtungen wählen - alles kann, nichts muss. Wenn jemand Ordensschwestern will, weil er damit großes Vertrauen verbindet, gibt es vor Ort das Caritas-Altenheim. Ich bin davon überzeugt, dass die gute Atmosphäre bei uns genauso wichtig ist, wie die fachliche Qualität. Das Prinzip Freundlichkeit kommt gut an. Wir grüßen lieber fünfmal als einmal zu wenig.

Natürlich ist es schön, wenn man freundlich gegrüßt wird - aber das nützt wenig, wenn man stundenlang am Stuhl sitzt und nicht aufs Klo kann, weil kein Pfleger vorbeikommt. Wie kann ich mir als Angehöriger sicher sein, dass mein Verwandter gut versorgt wird?

Gutes Management eines Pflegeheimes kommt oft der Quadratur des Kreises gleich. Wann ist Grundpflegezeit, wann habe ich Spitzen? Der Personalschlüssel hängt davon ab, welche Pflegestufen ich habe. Bei niederschwelliger Einstufung reichen 2 Pflegekräfte auf 35 Bewohner. Es kann aber auch sein, dass ich 4 brauche - und dieses Verhältnis verändert sich laufend mit den Bewohnern. Ein ständiges Ringen um die bestmögliche Versorgung.

Ein Rechercheteam des Redaktionsnetzwerks "Corrective" fand heraus, dass es in Bayern besonders viele 87b-Betreuungskräfte gibt - könnte das darauf hindeuten, dass man sich mit diesen Billigkräften qualifiziertes Personal sparen will? Wie ist das bei Ihnen?

Für uns sind diese Leute eine sehr wichtige Ergänzung. Sie erledigen, was früher oft auf der Strecke blieb. Sie sind Betreuungskräfte, die erstens nicht auf den Pflegeschlüssel angerechnet werden und zweitens gar keine pflegerischen Aufgaben übernehmen dürfen, sondern ausschließlich dafür da sind, den Alltag zu begleiten. Wir haben neun solcher Alltagsbegleiter im Haus - je nach Naturell lesen manche vor, andere singen oder basteln mit den Menschen.

Auch Langzeitarbeitslose lassen sich für diesen Job umschulen - eine Lösung, um der Personalknappheit zu entgehen?

Umschulungsmaßnahmen sind ja zunächst mal nichts Schlechtes. Wenn aber das Einfühlungsvermögen und die soziale Kompetenz fehlen, hilft das nichts. Ich kann nicht jeden für die Pflege qualifizieren. Wir haben hier neun Personen mit den verschiedensten Charakteren. Jeder hat eine andere Stärke, wir würden keinen hergeben. Sie sind eine ungemeine Bereicherung.

Arbeiten sie Vollzeit?

Nicht alle. Alltagsbegleiter müssen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein - wir haben eine Bandbreite von 15 bis 35 Wochenstunden.

Und es kommt nie vor, dass ein solcher Begleiter mal mit anfassen muss wie ein richtiger Pfleger?

Es ist klar definiert, was geht und was nicht. Sich dadurch etwas im hauswirtschaftlichen Bereich zu sparen, geht nicht. Was geht: Wenn Bewohner gerne backen, können sie mit eingebunden werden. Da riecht es dann durchs ganze Haus - das hat viele positive Aspekte und weckt die Lebensgeister und Erinnerungen der anderen Bewohner. Andere bieten Seidentuchmalerei an. In einer anderen Gruppe, die immer größer wird, wird getrommelt - da geht's um Takt, Motorik und es ist eine riesige Gaudi.

Alte Leute, die vor sich hinstarren - ist das noch Alltag heute?

Wir haben Veranstaltungspläne, damit strukturieren viele ihren Tag. Manche freuen sich narrisch über unsere Therapiehunde. Aber es gibt auch Alleinstehende, die wollen ihre Ruhe. Wir sind kein Robinson-Club.

Ist es nicht schwer zu erkennen, ob jemand nur nicht möchte oder sich immer weiter zurückzieht, weil er depressiv ist?

Ich würde sagen, wir wissen ziemlich genau, wann wir die Frau Meier zum Sitztanz motivieren müssen, weil sie sich etwas hängen lässt. Demenz geht oft einher mit einer Altersdepression, dem kann man nur zusammen mit einem Facharzt begegnen. Wir haben eine geschlossene Abteilung mit 12 Plätzen. Es gibt für jeden Bereich ein eigenes Konzept. Menschen unterschiedlicher Demenzstufen leben auch im offenen Bereich. Es beruhigt die Betroffenen, wenn sie nicht dauernd gegängelt werden.

Wie gehen Sie mit Konflikten zwischen den Bewohnern um?

Menschen bekleckern sich, andere schieben Möbel oder rennen nachts herum. Das stört manche. Teilweise werbe ich um Verständnis. Eine Bewohnerin, die sich über ihre schwer atmende Nachbarin beschwert hat - "schaun's, dass sie's weg dean" - habe ich gefragt, wo setzen wir sie denn aus? Da hat sie verdutzt geschaut und gesagt: "Das auch wieder nicht, uns würde das ja auch nicht passen." Eine schöne Reaktion!

Wie ist das Verhältnis zu den Angehörigen - haben die nicht immer das Gefühl, dass ihr Verwandter zu kurz kommt?

Letztes Jahr hat mir eine Frau aus dem Ausland vier Seiten mit bitteren Vorwürfen geschrieben - ihre Mutter bekomme nichts zu trinken. Wir haben ihr die Flüssigkeitsbilanzierungen gezeigt und sukzessive alle Punkte zum Besten der Mutter gelöst. Die Leute tun das nicht böswillig, sie haben Angst um ihre Angehörigen. Jetzt haben wir ein gutes Vertrauensverhältnis. Wir haben einen Beschwerdeordner, mit dem gehen wir offen um. Es passieren Fehler, es wird was vergessen, und es ist wichtig, das offen anzusprechen. Für Außenstehende wirken manche Dinge befremdlich. Man stellt sich vor, dass jemand alle 30 Minuten nachschaut wie im Krankenhaus. Andere möchten zweimal am Tag duschen. Die häufigsten Beschwerden drehen sich um die Wäsche und die Mahlzeiten - da gehen die Meinungen auseinander. Ich schule unsere Mitarbeiter, dass Beschwerden eine Chance sind, damit niemand mit dickem Hals rausgeht.

Es gibt Heime, die vom MdK überragende Noten bekamen, obwohl Pflegekräfte die Bewohner regelmäßig ausschimpften, Klingel, Getränke und Fernbedienung außer Reichweite legten und andere Schikanen - wie ist das möglich?

Ich würde die Note nicht absolut sehen, aber sie ist nicht wertlos. Früher hatte ich den Eindruck, der MdK sitzt auf dem hohen Ross und es fehlt die fachliche Einschätzung. Heute stehen Praxisnähe und Beratung im Vordergrund. Die Qualitätsprüfer reden in unserer Abwesenheit mit der Bewohnervertretung und den Bewohnern. Mittags gehen sie in den Wohnbereich und sehen sich die Mahlzeiteneinnahme an.

Ist es nicht recht einfach, sich darauf einzustellen?

Keine Chance. Wir müssen präpariert sein, dass es im Alltag optimal gelebt wird. Die Bewohner werden begutachtet, die Pflegekräfte befragt, die Dokumentation geprüft - das ist eine fortlaufende Geschichte und einmal jährlich unangekündigt. Wir hatten schon zweitägige Prüfungen. Ich bin so lang im Geschäft, aber mir rutscht immer noch das Herz in die Hosentasche. Man muss sich ad hoc drauf einstellen, du hast andere Termine, das wirbelt alles durcheinander.

Die Ausbildungsreform sieht vor, Kranken- und Altenpfleger zusammen auszubilden - ein Vorteil?

Bisher versuchte man einen ausgewogenen Mix aus Altenpflegern und Krankenschwestern zu beschäftigen. Wenn die Ausbildung das gesamte Fach umfasst, ist das für uns leichter zu handeln. Und nach der Grundausbildung kann man sich immer noch fachlich qualifizieren. Eine Mitarbeiterin ist 70 Jahre alt. Sie war vorher Reinigungskraft, aber hat ein Gespür für Menschen, das ist unglaublich - sie macht das mit Liebe. Das kann man nicht lernen. Eine Frau, die als Küchenhelferin begann, hat eine sagenhafte Beobachtungsgabe. Wir haben sie als Pflegehelferin gewinnen können. Nach drei Jahren Ausbildung ist sie inzwischen Pflegefachkraft. Wir haben laufend 6 bis 7 Auszubildende, sprechen dabei oft auch ältere Semester an. Wenn man Leute selber entwickeln kann, haben sie Stallgeruch und eine ganz andere Identifikation mit dem Haus.

Motiv für die Reform ist offenbar, dass immer weniger junge Leute einen Pflegeberuf lernen wollen ...

Ich finde es schade, dass die Pflege schlecht geredet wird. Ja, der Beruf ist belastend, aber auch erfüllend. Es werden immer nur negative Eigenschaften transportiert. Pflegekräfte hätten es verdient, besser bezahlt zu werden - im Vergleich zu medizinischen Tätigkeiten haben sie die schlechtere Lobby. In der Pflege laufen viele rum, die Großartiges leisten und sehr bescheiden darüber reden.

Die Bezahlung korreliert damit, dass zu wenig Geld im System ist?

Ja, es muss mehr Geld ins System fließen. Schon jetzt sind viele nicht in der Lage, den Eigenanteil für einen Pflegeplatz voll zu bezahlen. Die Renten besonders bei Frauen, wachsen nicht gerade in den Himmel. Wir haben im Haus 33 Prozent, die den Eigenanteil aufgestockt bekommen durch den Bezirk Oberpfalz.

Seniorenzentrum "Am Herzogsschloss"Das jüngste von ursprünglich sechs Pflegeheimen in Sulzbach-Rosenberg hat sich gegen alle Erwartungen als Erfolgsmodell behauptet. Das Haus der Pro-Curand-Gruppe, ein gemeinnütziges Unternehmen, verfügt über 105 Einzelzimmer (17-22 Quadratmeter ) und 7 Doppelzimmer (30 Quadratmeter) - alle rollstuhlgerecht mit Notrufeinrichtungen und Komforttelefon. Die hauseigene Vollküche stellt sich auf alle Diätformen ein.

Der monatliche Eigenanteil in einem Einzelzimmer mit Pflegestufe 1 beträgt 1487,80 Euro. Der Personal-Sollstand liegt bei 40,8, der Ist-stand bei 43,711. "Ich habe 115 Bewohner bei einer Kapazität von 119, eine Fachkraftquote von 60,4 Prozent - 50 Prozent sind gesetzlich vorgegeben", sagt Leiter Martin Preuß.
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