War Chorea Huntington Schuld an den Straftaten eines 48-Jährigen?
Viel schlimmer als ein Urteil

Politik
Sulzbach-Rosenberg
12.03.2015
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Die Diagnose ist eindeutig: Chorea Huntington. Diese Erbkrankheit zerstört das Gehirn, sie ist unheilbar. Umgangssprachlich wurde die Erkrankung früher "Veitstanz" genannt. Das beschreibt gut, wie schwierig es ist, wenn so ein Schicksal zu einem Fall für die Strafjustiz wird.

Schon einmal hatte sich ein Gericht mit einem Gewaltexzess des heute 48-Jährigen befassen müssen. Die zentrale Frage damals wie heute: Waren die damals zusammengekommenen Straftaten bereits eine Folge der 2001 diagnostizierten Erkrankung Chorea Huntington oder mussten sie dem Alkohol zugeschrieben werden? Genau ließ sich das bei dem Prozess nicht klären. Fest aber stand: Der Mann hatte schon vor seiner Krankheit immer wieder für Arbeit bei der Justiz gesorgt und es auf stattliche 25 Vorstrafen gebracht.

Einfach ausgerastet

Was im Jahr 2013 in einem Haus im nördlichen Landkreis geschah, stand jetzt erneut beim Landgericht als Berufungsinstanz zur Debatte. Der seinerzeit 46-Jährige hatte das Rote Kreuz angerufen, weil er ins Bezirkskrankenhaus gebracht werden wollte. Als Sanitäter bei ihm vorfuhren, ging er gegen eine junge Rettungsassistentin vor und schlug die Frau. Daraufhin wurde es turbulent. Die BRK-Leute zogen sich zurück, Polizisten kamen. In der Zwischenzeit war der Mann im Haus gegen seine Großmutter vorgegangen, hatte die 86-Jährige geschlagen und einen Rollator nach der Seniorin geworfen. Als Uniformierte den Tobenden bändigen wollten, wurde er auch gegenüber ihnen gewalttätig und warf unter anderem einen Blumentopf nach einem der Ordnungshüter. Erst Pfefferspray konnte den Mann bändigen.

Krankheitsbedingt als unberechenbar eingestuft

Schon bei der ersten Verhandlung war deutlich geworden, dass der Beschuldigte seine Schritte nur noch unkontrolliert ausführen kann. Jetzt offenbarte sich das erneut, die Erbkrankheit schreitet fort und lässt sich nicht stoppen. Allerdings ist es mit dem 48-Jährigen noch nicht so weit gekommen, dass die Behörden ernsthaft an eine dauerhafte Unterbringung denken müssten. Doch das könnte womöglich eines Tages der Fall sein, wenn der Mann krankheitsbedingt als unberechenbar eingestuft werden muss. Die erste Instanz hatte den Angeklagten zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt und ihn somit wie einen ganz normalen Straftäter behandelt. Jetzt traf die 3. Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Gerd Dreßler eine andere Entscheidung. Auf Anraten des Verteidigers Jürgen Mühl sowie auf Empfehlung von Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel wurde der 48-Jährige in eine längerfristige Alkoholtherapie eingewiesen.

Therapie geht vor

Ungeachtet dessen blieb die Freiheitsstrafe von zwei Jahren bestehen. "Muss ich jetzt in die JVA?", fragte der Mann nach dem Urteil. "Müssen Sie nicht, wenn die Maßnahme erfolgreich durchgestanden wird", antwortete der Richter. Denn eine Therapie werde auf die Haft angerechnet. Allerdings blieb die Frage zurück: Was wird dann sein, wenn das unheilbare Leiden weiter um sich greift?
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