Ein Besuch im Seniorenzentrum Am Herzogschloss in Sulzbach-Rosenberg
Betreutes Trommeln

Monika Müller, 89 Jahre alt, macht auch mit.
Sport
Sulzbach-Rosenberg
06.09.2016
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Trotz Hörgerät beweisen die Senioren bei "Drums Alive" ihr Taktgefühl. Bilder: jut (2)
 

Wie lebt und arbeitet es sich in einem Seniorenheim? Wie geht es den Bewohnern? Wie den Pflegerinnen und Betreuungskräften? Ein Besuch im Seniorenzentrum "Am Herzogschloss" in Sulzbach-Rosenberg.

Ein kleines Zimmer. Links steht ein Tisch. Darauf tummeln sich rund fünfzehn Flaschen: Cola, Limo, Wasser, vieles ist angetrunken. Als wären Kinder plötzlich vom Geburtstagstisch geflüchtet, um draußen im Garten zu spielen. Rechts reihen sich vier Schränke aneinander. Bis zur Zimmerdecke hoch stapeln sich darauf ein Globus, ein Blumenkranz aus Plastik, eine Hexen-Puppe - und ganz viele Kisten. Die Schachteln und Schränke sind vollgestopft mit Spielsachen, Büchern und Spielen. Ein Paradies für Kinder. Doch das Zimmer gehört keinem Kind, das Geburtstag feiert. Das Zimmer gehört den Betreuungskräften des Seniorenzentrums "Am Herzogschloss" in Sulzbach-Rosenberg. Ihr Stauraum und Ort zur Erholung.

Sonia Haubelt wirkt stolz, wenn sie vor einem der Schränke steht. Am liebsten würde sie alles zeigen: die Spielzeugautos, das alte und extrem schwere Bügeleisen, den kleinen Sack mit Schrauben zum Ertasten drin. Für was das alte Bügeleisen? "Das ist Gedächtnistraining. Dadurch kommt man mit den Bewohnern viel leichter ins Gespräch", sagt Haubelt. Die 32-Jährige aus Auerbach ist offiziell "Leiterin der Beschäftigung".

47 bis 94 Jahre alt


Heute trommeln die Senioren auf Gymnastikbälle - "Drums Alive" nennt sich das. In dem offenen Raum, der wie der Frühstücksbereich eines kleinen Hotels aussieht, hat Christa Schwendner einen Sitzkreis aufgestellt. Vor jedem der zehn Stühle liegt ein großer Gymnastikball auf einem Eimer. Jeder Stuhl ist besetzt. Zusätzlich muss ein Wasserball her: Monika Müller, 89, will auch mitmachen. Die Trommel-Gruppe ist bunt gemischt. Vier Männer und sechs Frauen sind dabei. Das Alter reicht von 47 bis 94, flüstert Seniorenheim-Chef Martin Preuß, der sich zu den vier Zuschauern geschlichen hat. Zu ruhiger Musik gibt Christa Schwendner den Takt vor. Die Bewohner lauschen ihren Anweisungen und schlagen mit konzentriertem Blick auf die Bälle ein. Bum bum klack, bum bum klack, so donnert es im Rhythmus zu Queens "We Will Rock You" durch die Einrichtung. Nach einer Dreiviertelstunde ist alles zu Ende. Seit Januar bietet Christa Schwendner "Drums Alive" an. Die Betreuungskraft aus Sulzbach spricht über die Vorzüge: "Die Menschen strengen sich an, müssen sich konzentrieren." Und: "Bei der Sache werden sie ernst genommen, das ist ja kein Kinderkram." Trotzdem solle es vor allem Spaß machen.

Sonia Haubelt arbeitet seit 2007 im Seniorenzentrum "Am Herzogschloss". Sie fing in der Pflege an. Seit 2012 ist die Auerbacherin gerontopsychiatrische Fachkraft. Sprich: Sie spezialisierte sich auf die Betreuung von alten und dementen Menschen. Ursprünglich ist Haubelt gelernte Heilerziehungspflegerin. "Mit Behinderten arbeiten, ist ganz anders, als mit Senioren. Man muss sich viel mehr einfallen lassen, um Senioren Freude zu bereiten."

Eine Beziehung zu den Bewohnern aufzubauen sei schwierig, gibt sie zu. Trotzdem baue man eine auf. Man müsse aber lernen, dass Arbeit Arbeit ist: "Nicht alles mit nach Hause nehmen." Haubelt habe gewusst, auf was sie sich einlasse, als sie sich für den Beruf entschieden hat: "Sterben gehört zum Leben dazu." Die 32-Jährige schnauft durch: "Seitdem ich hier angefangen hab, könnte man das Haus drei- bis viermal voll machen."

Heimfahrt hilft


Sonia Haubelt erzählt, dass ihr die knapp halbstündige Autofahrt nach Hause gut tue. "Manchmal fahre ich noch eine Runde um die Stadt, um die Arbeit in der Arbeit zu lassen." Dann drehe sie die Musik laut auf und trommle auf dem Lenkrad mit. Ja, es ist ein stressiger Job, gerade psychisch, gibt Haubelt zu. Acht Stunden pro Tag arbeiten Haubelt und ihre Stellvertreterin Sylvia Stahl, die beiden einzigen Vollzeit-Betreuerinnen. "Das ist alles relativ geregelt: Jedes zweite Wochenende und einmal in der Woche haben wir frei." Das einzige, was stört, ist die Bezahlung. "Natürlich kann man über den Lohn schimpfen, aber das bringt nichts", sagt Stahl erstaunlich nüchtern. "Was nützt einem das große Gehalt, wenn der Job nicht gefällt?"

Das Seniorenzentrum "Am Herzogschloss" wirkt wie eine Mischung aus Krankenhaus und Studentenwohnheim. Auf dem Flur riecht es nach Desinfektionsmittel. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit Klo und Dusche. Das können sie selbst einrichten. Geht man durch das Haus, kreuzt man ständig die Wege des Personals. Jeder grüßt, jeder hat ein nettes Wort für die Senioren übrig. Die meisten Bewohner sind sehr ruhig. Sie sitzen auf Stühlen und beobachten das Geschehen. Manche starren ins Leere, einer schaut mit wässrigen Augen auf den Boden. Zweimal hört man einen lauten Schrei durch die Gänge hallen. Im kleinen Gemeinschaftsraum sehen drei Seniorinnen fern. Im Zimmer daneben riecht es nach Kuchen, ein paar Bewohner haben mit einer Betreuerin gebacken. Die Menschen schauen gepflegt aus, sowohl ihre Kleidung als auch ihre äußere Erscheinung.

Ingeborg Kamm trägt eine hellblau-weiße Bluse und eine blaue Strickjacke darüber. Kamm wird im November 87 Jahre alt. Seit Juni 2014 ist sie im Haus. Ursprünglich kommt die Seniorin aus Schlesien. 1947 heiratete sie sich in Sulzbach ein. "Draußen vor dem Amt standen so viele Menschen. Die wollten alle den Flüchtling sehen, den der Kamm Franz heiratet," erzählt sie. Und lacht. Auch sonst lacht sie viel. Vor allem, wenn sie Anekdoten aus der Vergangenheit erzählt. Dann ist sie in ihrem Element, das merkt man.

Nach Lähmungen ins Heim


Bei der Entscheidung für das Seniorenzentrum "Am Herzogschloss" musste sie nicht lange überlegen, sagt Ingeborg Kamm. "Das Beste, was ich für mich entschieden hab." In einer Nacht habe sie Lähmungen bekommen. Das habe ihr Angst gemacht und die Entscheidung, ins Pflegeheim zu gehen, beschleunigt. Sie habe sich viele Einrichtungen in Sulzbach-Rosenberg angeschaut. Aber nirgends habe es ihr gefallen. Bis sie hier ein Zimmer gesehen habe. "Was hier geboten wird, hätte ich daheim nie gehabt." Sie sei bei allem dabei, auch bei "Drums Alive", dem Trommeln. Am liebsten mag sie Singen und Bingospielen, erzählt Kamm. Und Dartspielen. Und Gedächtnistraining, "damit man schauen kann, was man noch weiß". Kamm ist immer auf Achse. Außer, es läuft Sport im Fernsehen. "Das schau ich immer, sonst kann ich nicht mitreden." Fußball und Biathlon hätten es ihr besonders angetan. "Ich muss immer Abseits erklären."

Ingeborg Kamm schwärmt vom Personal: "Die Hygiene passt, alles passt. Und es wird nie langweilig." Bei der Verpflegung erkennt sie Verbesserungspotenzial: "Die Semmeln zum Frühstück sind eine Katastrophe, grausam." Zwei Hände brauche man dafür zum Abbeißen. An die werde sie sich nie gewöhnen. Das geht nicht anders, sagt Haubelt, "Vertragssache".

Monika Müller lebt seit gut vier Jahren im Sulzbacher Seniorenheim. Die 89-Jährige stammt aus Mittelfranken. Auch sie zog es der Liebe wegen nach Sulzbach. Der fränkische Akzent ist noch deutlich hörbar. Sie fühle sich gut versorgt: "Die Schwestern sind sehr lieb, wirklich wahr." Das Trommeln auf die Bälle habe sie sich nicht nehmen lassen. "Was ich kann, mach ich mit." Nur müssten sie die Betreuungskräfte oft daran erinnern. "Ich vergiss das meistens", sagt Müller. Könnte sie neu entscheiden, würde sie wieder in dieses Haus gehen. "Man braucht Hilfe, wenn man alt ist, und wenn man dann so gut umsorgt wird wie hier, ist es doch super." Monika Müller zieht an ihrer Bluse: "Der BH piekst." Sonia Haubelt kümmert sich darum.

Vorteil Einzelzimmer


Karin Schwabe ist seit 2012 als Pflegefachkraft im Haus und bereits seit 1985 in der Pflegebranche. Am schönsten sei es hier, weil es Einzelzimmer gibt: "Ich finde es ganz schlimm, wenn Menschen mit Demenz in ihrer Not mit jemandem, der selber in Not ist, in ein Zimmer gesteckt werden", sagt Schwabe. "In vielen Häusern, gerade in der Pflege, gibt es nur Doppelzimmer." Die Altenpflegerin aus Ritzenfeld bedauert, dass ihr oft zu wenig Zeit für die Menschen bleibt. "Ich würde mich auch gerne mal mit ans Bett hocken." Aber oft seien ihr die Hände gebunden: "Da laufe ich nur von einem zum anderen." Von Überforderung würde sie nicht sprechen. "Wenn ich aus Frust nicht mehr helfen würde, dann wär ich hier fehl am Platz." Schwabe vergleicht Demenz mit einem "Bücherregal, aus dem die Bücher herausfallen". Die Erkrankten fühlten sich zurückgesetzt. "Ein Bewohner war einmal in seinen 30ern. Der hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Wir haben beide gelacht."

Für ein längeres Gespräch bleibt keine Zeit. Karin Schwabe: "Die Bewohner bekommen jetzt ihr Abendessen."

KurzporträtSeniorenresidenz "Am Herzogsschloss"

Sulzbach-Rosenberg. (jrh) Das jüngste von ursprünglich sechs Pflegeheimen in Sulzbach-Rosenberg hat sich gegen alle Erwartungen als Erfolgsmodell behauptet. Das Haus der Pro-Curand-Gruppe, ein gemeinnütziges Unternehmen, verfügt über 105 Einzelzimmer (17 bis 22 Quadratmeter ) und 7 Doppelzimmer (30 Quadratmeter) - alle rollstuhlgerecht mit Notrufeinrichtungen und Komforttelefon. Die hauseigene Vollküche stellt sich auf alle Diätformen ein.

Der monatliche Eigenanteil in einem Einzelzimmer mit Pflegestufe 1 beträgt 1487,80 Euro. Der Personal-Sollstand liegt bei 40,8, der Ist-stand bei 43,711. "Ich habe 115 Bewohner bei einer Kapazität von 119, eine Fachkraftquote von 60,4 Prozent - 50 Prozent sind gesetzlich vorgegeben", sagt Leiter Martin Preuß.

Adresse: Erlheimer Weg 4, 92237 Sulzbach-Rosenberg; Telefon: 09661 87460.


Soziale BetreuungSonia Haubelt und ihre zehn Mitarbeiterinnen kümmern sich im Seniorenzentrum "Am Herzogschloss" um die Bewohner abseits der Pflege. Die Frauen versuchen, den Senioren den Alltag im Heim zu versüßen. Sie reden und malen mit ihnen, singen und spielen mit ihnen. Haubelt:"Der Großteil der alten Menschen braucht ein Händchen, das die Hand hält." Die einen brauchen jemanden, der nur neben ihnen sitzt, ein bisschen redet: "Einfach nur da sein." Andere brauchen gemeinsame Aktivitäten in großer Runde. "Das ist ganz individuell. Wir müssen uns da dem Bewohner anpassen", sagt die Auerbacherin. Ziel sei, den Bewohnern ein Leben in der Gemeinschaft zu bieten und zu verhindern, dass sie vereinsamen. (jut)
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