84 Jahre altes Zündapp-Motorrad fährt wieder
Letzte ihrer Art lebt weiter

Das Werk ist gelungen, es freuen sich (von links) Walter Langhans, Thea Ulrich und Georg Lehner über das prachtvolle Motorrad. Bilder: Gebhardt (2)
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
20.08.2016
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Thea Haagner bei einem 2000-Kilometer-Rennen 1934 mit Start in Leipzig.

Sie stand wohl über 60 Jahre in der Rumpelkammer und träumte von vergangenen Zeiten und Siegen. Jetzt kann es durchaus sein, dass sie das einzige Exemplar ihrer Art ist. Sechs Jahre Restaurierung lassen die 84 Jahre alte Zündapp S 350 Avus nun wieder wie neu erscheinen.

"Das war eine klassische Winterarbeit", da sind sich die beiden Experten Walter Langhans und Georg Lehner einig. Vor sechs Jahren wandte sich Thea Ulrich an sie: Die Geschäftsführerin der alteingesessenen Amberger Firma Kurt Haagner hatte von ihrer 1983 verstorbenen Tante Thea Haagner ein altes Motorrad geerbt. Sie wollte die Maschine wieder zum Laufen bringen und gab sie deswegen den beiden Sulzbach-Rosenbergern in die Hände.

Experten am Werk


Walter Langhans, versierter Oldtimer-Experte, kümmerte sich um Ersatzteile, Neuanfertigungen, Baupläne und vieles mehr. Das Motorrad war natürlich nicht mehr fahrbereit und musste somit komplett zerlegt und aufgearbeitet werden. Über Lackieren, Verchromen, die Elektrik, das Einspeichen der Räder und viele andere Arbeiten wurde die Zündapp wieder neu aufgebaut, "und das waren viele Stunden Arbeit", zeigten die beiden Experten auf.

Georg Lehner, bekannt als "Motoren-Papst", nahm sich das Herzstück der Zündapp vor. Er zerlegte den Motor komplett, reinigte, reparierte, schliff, justierte, maß, feilte an dem Zweitakter mit seinen 345 Kubikzentimeter Hubraum. Der läuft jetzt wieder rund und macht seinem Maschinen-Restaurator alle Ehre.

Die seitenwagentaugliche S 350 war 1931 erschienen als neues Touren-Kraftrad mit modernem verchromten Satteltank. Ein Dauertest auf der Avus-Rennstrecke in Berlin brachte ihr den werbeträchtigen Zusatz "Deutsche Autobahnmaschine" ein. Sie stellte sogar 18 Rekorde auf.

Gebaut wurden aus verschiedenen Gründen nur 511 Stück, von denen Walter Langhans trotz intensiver Suche kein anderes Exemplar mehr in Deutschland finden konnte. Markenzeichen des Motorrads mit Dreigang-Handschaltung ist der Lenker aus übereinandergelegten Blattfedern, der seltene Gazda-Federlenker in der Sport-Ausführung. Er dämpft Unebenheiten in der Fahrbahn durch seine Schwingungen.

Thea Haagner, Jahrgang 1904, hatte ein für Frauen der damaligen Zeit durchaus ungewöhnliches Hobby: Zuverlässigkeitsfahrten mit Motorrädern. Deswegen kaufte sie sich wohl 1932 die Zündapp S 350 und brauste mit ihr durch die Vorkriegszeit.

Alles dokumentiert


Sorgfältig dokumentierte Zeitungsausschnitte und Briefe belegen, dass sie hiermit sehr erfolgreich war. 2000 Kilometer zogen sich solche Fahrten mitunter hin, meist organisiert vom damaligen DDAC (Der Deutsche Automobilclub) oder dem NSKK. Alle gewonnenen Plaketten finden sich auf einem Trophäenschild. Ihr Motorrad zierte stets das Kennzeichen IIE, das für die Oberpfalz stand.

Im neuen Glanz


Thea Haagner hat ihre Zündapp sicher sehr geschätzt und würde sie die Maschine jetzt sehen, wäre sie wohl bass erstaunt: Das 84 Jahre alte Motorrad sieht aus wie aus dem Schaufenster des Zündapp-Händlers. Walter Langhans und Georg Lehner haben wirklich ganze Arbeit geleistet, fehlende oder defekte Teile neu angefertigt, den Lack rekonstruiert, alles poliert.

Thea Ulrich staunte ordentlich, als sie mit ihrem Sohn Kurt das Schmuckstück in Empfang nahm. Es kann gut sein, dass dieses Motorrad nun weltweit das einzige noch erhaltene Exemplar seines Typs ist - eine gute Investition!

DatenZündapp S 350 Avus

Einzylinder-Zweitakter, luftgekühlt, 345 ccm Hubraum

Drehzahl 4000

Fenag-Batterie-Zündlichtanlage

abgedeckte Kette

Hand-Tankschaltung

Ledersattel

Satteltank (13 Liter)

Blattfederlenker

Gewicht 135 kg

Höchstgeschw. 100 km/h. (ge)
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