Bischof Erwin Kräutler aus Brasilien in der Katholischen Akademie München
Lebensgefährlich und brutal

Christopher Walter und Fabian Royer freuten sich, Bischof Erwin Kräutler mit ihrer Religionslehrerin Marianne Moosburger (von links) in München getroffen zu haben. Bild: mma

Den Abend mit Bischof Erwin Kräutler aus Brasilien werden die beiden Oberstufenschüler des Herzog-Christian-August-Gymnasiums und ihre Religionslehrerin Marianne Moosburger so schnell nicht vergessen. Sie waren für die Abendveranstaltung der Katholischen Akademie eigens nach München gefahren, um den berühmten Amazonasbischof kennenzulernen und auch, um ihm ihren Respekt zu bekunden.

Organisator und Moderator Dr. Johannes Schießl begrüßte die drei Oberpfälzer, und auch Bischof Kräutler freute sich sehr über deren Engagement. In der Akademie informierte Misereor über das brasilianische Belo-Monte-Staudammprojekt, das sich selbst zum Subjekt und den Menschen zum Objekt mache. Kräutler sprach in diesem Zusammenhang gar von einem Genozid, einem Ethnozid, also einem Völkermord beziehungsweise einem Aurozid, das heißt, mit Geld würden hier ganze Völker in die Verwahrlosung gedrängt.

Noch kämpfen vor allem die Frauen, die sich um die nächste Generation sorgen, dagegen. Doch gegen die weltweit agierenden Konzerne seien sie ohne Hilfe weithin chancenlos.

Mit der Perikope des barmherzigen Samariters fragte Bischof Kräutler "Wem wurde ich zum Nächsten?" und erklärte, dass das Wort "Barmherzigkeit" im Hebräischen von dem Wort für "Geborgenheit im Mutterschoß Gottes" komme und sich so also von Gottes tiefster Liebe an uns wende.

Kaltblütig erschossen


Tief berührt berichtete der Bischof, der sich seit über 50 Jahre in Amazonien, einem Gebiet, größer als Deutschland, für die Indios einsetzt, von einem von der täglichen Realität inspirierten Theaterspiel seiner ihm anvertrauten Schützlinge.

Diese ließen eine Bauernfamilie auftreten, die von Großgrundbesitzern bei Androhung des Todes vertrieben wurde. Dann wurden zwei hübsche Mädchen von Sklavenhändlern verschleppt, Indios kaltblütig erschossen, und Kinder fielen zum Geräusch von Motorsägen um. Die Schlussfrage des Stücks: "Und wie stehst du dazu?" gehe auch nicht zuletzt Europa an, betonte der Vorarlberger. Kräutler zeigte auf, dass die vielen Staudammprojekte keine innerbrasilianische Angelegenheit seien, dass 50 Prozent des Holzes illegal in die EU gelange und Großgrundbesitzer, nach der Vertreibung der Ureinwohner, auf dem ehemaligen kargen Regenwaldboden Rinderherden züchteten und Soja für weltweit gesuchtes Tierfutter anbauten.

"Jetzt könnten wir nur noch 50 Prozent von Amazonien retten, und damit einen Teil seiner Völker und auch seiner klimaregulierenden Funktion erhalten, mehr ist schon nicht mehr möglich", erklärte der engagierte Bischof der Provinz Xingu.

Wie lebensgefährlich und brutal Konzerne, Politiker und Großgrundbesitzer vorgehen, zeigte Kräutler anhand verschiedener authentischer Beispiele auf. Seine Mitarbeiterin Schwester Dorothy und weitere Mitarbeiter wurden bereits wegen ihres Einsatzes ermordet - er selbst mehrfach bedroht, verprügelt und festgenommen. Bei einem fingierten Autounfall, bei dem sein Mitarbeiter starb, sollte auch er ermordet werden. Seitdem stehe er unter Polizeischutz, was aber auch keine Überlebensgarantie darstellt.

Kapellen ohne Altar


Kräutler verwies auch auf das Problem der priesterlosen Gemeinden. Nur 31 Geistliche, davon 60 Prozent über 60 Jahre alt, arbeiteten in Amazonien. Dies bedeute, dass über 90 Prozent aller Gemeinden keine sonntägliche Eucharistiefeier hätten und 70 Prozent nur drei bis viermal im Jahr Besuch von einem Priester bekämen. Nicht selten würden sogar Kapellen ohne Altar gebaut, da jahraus- jahrein nur ein Ambo, ein Lesepult, im Gottesdienst Verwendung finde.

Engagiert sprach sich Kräutler, der als Ghostwriter für die letzte Papstenzyklika "Laudato si" gilt, für ein Umsetzen der Befreiungstheologie ein, die "würdiges Leben für alle" fordere. "Armut ist nicht Schicksal, sie wird gemacht!", betonte er. "Helfen Sie leben! Legen Sie Zeugnis ab!", wünschte er von allen Christen.

Realistische oder unrealistische Aussichten auf Erfolg dürften dabei kein Kriterium sein, meinte er, denn sogar "Jesu scheinbarer Misserfolg am Kreuz hat die größte Revolution aller Zeiten ausgelöst". "Auch Schweigen ist Politik", hielt er dem Plenum entgegen und betonte, dass "Ökologie, Ökonomie und Gerechtigkeit sich nicht trennen lassen dürfen, um der Menschen willen". Langanhaltender stehender Applaus dankte dem kurz vor dem Ruhestand stehenden Bischof.
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