Diskussion über Armut in Deutschland
Gehorsam und Angst

Manfred Weiß (Verdi), Willi Renner (Hartz IV-Gruppe), Elke Wolfsteiner und Theo Wißmüller (beide Diakonie) Dr. Friedrich Sendelbeck (Verdi), Birgit Wittmann (Alleinerziehende) Markus Huber (Fachanwalt für Sozialrecht) und Irina Frescher (Arbeitslosen- und Schuldnerberatung der Diakonie) diskutierten am Podium. Bilder: cog (2)
 
"Im mit Abstand reichsten Land Europas leisten wir uns diese Altersarmut, dabei stinkt Deutschland geradezu vor Geld!" Zitat: Dr. Friedrich Sendelbeck

"Verkauft, verraten, vergessen", das ist das Schicksal der Armen in Deutschland. Begleitend zur Fotoausstellung "My home is my castle" über prekäre Wohnverhältnisse, die noch bis 23. Oktober im LCC zu sehen ist, diskutierte ein fachkundig besetztes Podium über Armut in unserer Gesellschaft und Lösungsmöglichkeiten für die drängendsten Probleme.

"Armut ist nicht selbst verschuldet, sondern es ist der gesellschaftliche Wille, dass die Gesellschaft auseinanderbricht." Mit dieser provozierenden These begann Dr. Friedrich Sendelbeck von Verdi-Mittelfranken sein Impulsreferat über Armut und insbesondere Altersarmut. Schon heute liegt die durchschnittliche Rente einer Frau in Westdeutschland unter 500 Euro. Es werde behauptet, führte Dr. Sendelbeck aus, dass die Situation immer schwieriger werde, weil der Altenquotient steigt, also immer mehr alte Menschen versorgt werden müssen. Die Antwort der Politik und Wirtschaft, die Rente zu senken oder die Beiträge zu steigern, hielt der Referent für falsch.

Zwei Generationen


Jede Erwerbsgeneration müsse zwei Generationen unterhalten, nämlich die ältere, nicht mehr erwerbstätige, und die junge. Um 1910 mussten 100 Erwerbstätige nur für zehn Rentner aufkommen, aber auch für 90 Kinder. Heute sind es zwar 30 Rentner, aber nur noch wenige Kinder, so dass der Gesamtquotient, der vor einem Jahrhundert bei 100 lag, nicht tiefer als 85 sinken werde.

"Das Sozialsystem funktioniert seit Generationen, während private Systeme angesichts der niedrigen Zinsen kritisch zu sehen sind", stellte Sendelbeck fest, und schloss: "Im mit Abstand reichsten Land Europas leisten wir uns diese Altersarmut, dabei stinkt Deutschland geradezu vor Geld!"

Elke Wolfsteiner und Theo Wißmüller, bei der Diakonie zuständig für Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA), erläuterten die Berechnung der Hartz IV-Sätze. Oft seien sie falsch berechnet, zudem seien die Bescheide intransparent. Die Betroffenen können sie nicht verstehen.

Willi Renner ist Hartz IV-Aufstocker und kennt aus der Hartz IV-Gruppe im Landkreis viele weitere Schicksale. Als ganz schwierig empfand er die Kommunikation mit den Sachbearbeitern im Jobcenter, die man nicht direkt anrufen kann und die auch auf ihren Briefen eine anonyme Nummer bleiben. Ferner kritisierte er, dass im Regelsatz für Kinder und Jugendliche Ausgaben für Bildung nicht vorgesehen seien. So erkläre die Behörde, dass ein Computer im Haushalt nicht erforderlich sei, auch nicht, wenn man schulpflichtige Kinder habe, die für den Unterricht Informationen suchen müssten.

Furcht vor Hartz IV


Manfred Weiß vom Verdi-Ortsverein und der Fachanwalt für Sozialrecht, Markus Huber, gingen auf das Motto "Fördern und Fordern" ein. Ein Hartz IV-Empfänger müsse jede berufliche Tätigkeit annehmen. Dadurch sei ein großer Niedriglohnsektor entstanden und sehr viele Menschen seien in Leiharbeitsverhältnissen tätig.

Sie fürchten, in Hartz IV zu rutschen, dieses System sei eine "Erziehung zu Gehorsam und Angst". Das Ergebnis seien Panik, Depression und Schmerzzustände.

Im mit Abstand reichsten Land Europas leisten wir uns diese Altersarmut, dabei stinkt Deutschland geradezu vor Geld!Dr. Friedrich Sendelbeck
1 Kommentar
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Rene Kinderlein aus Sulzbach-Rosenberg | 15.10.2016 | 10:12  
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