Fraunhofer baut den Standort Sulzbach-Rosenberg aus:
Technologisch an der Spitze

Mit der Umwandlung von Biomasse in Energie ("Bio-Batterie") - hier die Versuchsanlage - verbinden sich hohe kommerzielle Erwartungen. Bilder: Fuchs/cf
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
16.08.2016
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Im Spätherbst erfolgt der Baubeginn für das neue Technikum von Fraunhofer Umsicht in Sulzbach-Rosenberg. Es ist als Schaufenster der Technologien für thermische und chemische Speicher gedacht. Bild: Fraunhofer

Die metallenen Kugeln gleichen in der Größe Oberpfälzer Knödeln. Darin schmelzen spezielle Legierungen und speichern eine Hitze von 600 Grad. Diese Hochtemperaturspeicher sind ebenso wenig Zukunftsmusik wie die Rückgewinnung von sündteuren Edelmetallen aus Elektroschrott. Fraunhofer forscht nah am Markt - und sieht gewaltige Potenziale.

In den unscheinbaren Gebäuden des ehemaligen ATZ in der alten Bergmannsstadt arbeiten Wissenschaftler aus aller Welt an neuen Technologien für zentrale Fragen der Gegenwart: nämlich der Speicherung von (volatilen) Energien und der Rückgewinnung von Ressourcen. Auf das vom Freistaat mit 20 Millionen Euro geförderte - strategische - Großprojekt "Centrum für Energiespeicherung" (60 Prozent in Sulzbach-Rosenberg und 40 Prozent bei Fraunhofer in Straubing) wird nun noch eins draufgesattelt: Im Herbst erfolgt der Spatenstich für ein neues Technikum, eine Art Schaufenster der Technologien für thermische und chemische Speicher mit einem Investitionsvolumen von mehr als fünf Millionen Euro. Dies bestätigt Robert Daschner, der Fraunhofer-Abteilungsleiter Energietechnik.

Wertvolle Edelmetalle


In diesem Herbst erfolgt auch die Installation einer Versuchsanlage für die Rückgewinnung von Edelmetallen aus Elektroschrott. "Der Ansatz ist sehr erfolgversprechend und das Marktpotenzial dafür erheblich", erklärt Katharina Reh, Gruppenleiterin Abfall und Ressourcenstrategien. Dies ist noch tiefgestapelt, denn dem Vernehmen nach liegen hier die Wissenschaftler aus Sulzbach-Rosenberg mit ihrem Wissen weltweit an der Spitze.

Dabei geht es nicht um das Re- cycling von irgendwelchen Metallen, sondern um außerordentlich rare Exoten wie Gallium, Germanium, Neodym oder Tantal aus Laptop, Handy, PC oder Navi-Geräten. Bei Neodym handelt es sich sogar um ein international heiß begehrtes Seltenerd-Element.

Im Jahr 2013 fielen allein in Deutschland 728 000 Tonnen Elektroschrott an. Nach wissenschaftlichen Hochrechnungen enthielten die entsorgten Informations- und Telekommunikationsgeräte sowie Unterhaltungselektronik bis zu 97 Tonnen Neodym. Weil sich hier die Sulzbach-Rosenberger (noch) nicht in die Karten schauen lassen wollen, spricht Katharina Reh lediglich von einem "thermo-chemischen Verfahren" der Aufbereitung. Die Wissenschaftlerin erwartet bereits in zwei bis drei Jahren Anlagen für die kommerzielle Nutzung, also die Marktreife. Die weltweite Nachfrage nach dem Recycling von wertvollem Elektroschrott sei enorm.

75 Prozent Wissenschaftler


Fraunhofer Umsicht in Sulzbach-Rosenberg steht als Institutsteil von Oberhausen vor der Vollmitgliedschaft bei der Fraunhofer-Gesellschaft. Der Standort soll heute noch weit mehr technologiefreundlicher sein als das frühere ATZ - und dicht am Markt segeln. 2016 wird ein sogenannter "Wirtschaftsertrag", also die direkte Kooperation und Zusammenarbeit mit der Industrie, in Millionenhöhe erwartet. "Wir setzen auf die angewandte Forschung und den direkten Nutzen", betont Daschner.

Daschner geht davon aus, dass die verkapselten Hochtemperatur-Speicher für die hochflexible Zwischen-Pufferung von Abwärme aus der Industrie oder auch bei Gas- und Biokraftwerken ab dem Jahr 2018 "marktfähig" sind. Die modular aufgebauten Speicher ermöglichen ein breites Leistungsspektrum vom Kilowatt- bis zum Megawatt-Bereich. Zunehmend kommt die Bio-Batterie (wir berichteten) in die Vermarktung. Ein halbes Dutzend Anlagen mit einem Durchsatz von 30 bis 300 Kilogramm Biomasse je Stunde läuft bereits oder ist in Planung. Klärschlamm oder Schnittgut "füttern" die Bio-Batterie. Fraunhofer konzentriert sich auf Forschung und Entwicklung, die Vermarktung übernehmen Firmen-Ausgründungen (Spin Offs) wie Susteen für die Bio-Batterie.

Fraunhofer in Sulzbach-Rosenberg zählt 65 feste Mitarbeiter (davon 75 Prozent Wissenschaftler) und die fast gleiche Zahl von Doktoranden und Masteranden aus aller Welt.

Projekt "gagendta+"Gallium, Germanium oder Neodym gehören zu den Wirtschafts-strategischen Rohstoffen. Von ihnen sind deutsche Unternehmen stark abhängig, da es nur wenige Lieferanten gibt, die den Weltmarkt beherrschen. Ohne diese seltenen Edelmetalle sind Laptops, Handys oder Flachbildschirme kaum herzustellen. Gefördert vom Bundesforschungsministerium, arbeitet Fraunhofer Umsicht in Sulzbach-Rosenberg mit acht Partnern aus Wissenschaft und Industrie an dem Projekt "Modulare Prozesskette zur dezentralen Rückgewinnung von ausgewählten Technologiemetallen - ,gagendta+'". Die Laufzeit der im Sommer 2015 gestarteten Maßnahme "gagendta+" beträgt drei Jahre. (cf)


Wir setzen auf die angewandte Forschung und den direkten Nutzen.Dr.-Ing. Robert Daschner, Abteilungsleiter Energietechnik bei Fraunhofer Umsicht in Sulzbach-Rosenberg
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