Fraunhofer-Institut Umsicht möchte ausrangierte Leiterplatten und andere Abfälle sinnvoll nutzen
Gold landet in Müllverbrennung

Samir Binder (links) und Dr.-Ing. Matthias Franke (Zweiter von links) erläutern den Mitgliedern von FDP und FWS die Technologie der Pyrolyseanlage. Bild: gac
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Sulzbach-Rosenberg
11.10.2016
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Im vielen Abfällen stecken Stoffe, die giftig, aber auch wertvoll sind. Wer sie da herausholen will, muss für gewöhnlich sortieren oder demontieren. Das kostet Geld und setzt vielleicht auch Klimagase frei. Das Fraunhofer-Institut Umsicht möchte das ändern.

Faserverstärkte Kunststoffe, Leiterplatten, Verpackungsmüll, Klärschlamm oder Biertreber bestehen zu einem großen Teil aus Kohlenwasserstoffen, aus denen Energie gewonnen werden kann. Dazu müssen sie aber aufbereitet werden. Im Fraunhofer-Institut an der Maxhütte werden dafür Technologien entwickelt. Mitglieder von FDP und FWS ließen sich das näher erklären.

Gas, Öl und Biokohle


Das Material muss zunächst zerkleinert und vorgetrocknet werden. Danach kommt der Kernprozess der Technologie: die Pyrolyse. In einem speziellen Ofen werden die Stoffe unter Luftabschluss hoch erhitzt. Dabei entstehen Gas, Öl und Biokohle.

Ein Teil des Gases werde zum Beheizen der Anlage verwendet. Dadurch müsse kein fossiler Brennstoff eingesetzt werden. Das Gas könne auch in Zündstrahlmotoren zur Stromerzeugung verbrannt werden. Das Öl entspreche einem hochwertigen Erdöl. Weil es teer- und staubfrei sei, könne es so, wie es aus der Anlage kommt, Autos oder Lastwagen antreiben. Das Institut betreibe einen amerikanischen Diesel-Truck mit dem selbst hergestellten Öl. Es lasse sich aber auch wie normales Erdöl raffinieren, um Benzin daraus gewinnen. Die Biokohle könne als Brennstoff, als Ersatz für Holzkohle in Aktivkohlefiltern oder sogar auf dem Grill verwendet werden.

Englische Uni interessiert


Die Politiker von FDP und FWS besichtigten die Versuchsanlagen auf dem Gelände des Instituts. Ein Modell, das 80 Kilogramm Abfall pro Stunde verarbeiten kann, wird derzeit an eine englische Universität geliefert. "Die Pyrolyseanlage frisst praktisch alle kohlenwasserstoffhaltigen Materialien, der Prozess ist sehr unempfindlich", erläuterte der technische Leiter Samir Binder.

Bei manchen Materialien wie Klärschlamm, faserverstärkten Kunststoffen oder Leiterplatten müssten nach der Pyrolyse noch Stoffe aus den Produkten entfernt werden, die nicht in die Umwelt kommen sollen. Dafür hätten die Fraunhofer-Leute unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Hornung einen Reaktor entwickelt.

Verdienen statt zahlen


100 000 Tonnen geschredderte Leiterplatten fallen in Deutschland jährlich an, erläuterte Dr.-Ing. Matthias Franke. Sie enthielten Gold im Wert von acht Millionen Euro, Indium für 2,2 Millionen Fernseher, Kupfer für 350 000 Kilometer Kabel und viele andere wertvolle Stoffe. Das lande alles in der Müllverbrennung, werde in der Abgasreinigung abgetrennt und als Sondermüll deponiert. "Das kostet den Verwerter derzeit 100 Euro pro Tonne. Mit unserer Technik könnte er die Wertstoffe ausscheiden und damit viel Geld verdienen," sagte Dr. Franke. "Und das klimaneutral und ohne Brennstoffkosten."

Anlagenbauer gesucht


Auch das aktuelle Riesenproblem der Flammhemmer in Dämmplatten und Kabelisolierungen könne mit dieser Technik gelöst werden. Mehrere große Abfallverwerter hätten beim Fraunhofer-Institut Interesse geäußert, um die Technologie zu testen. Was jetzt noch fehlt, sei ein Anlagenbauer, der Leistungen von Hunderten Tonnen pro Stunde realisiert. Darüber stünden die Wissenschaftler schon in Verhandlungen.

"Sie sind hier immer einen Schritt weiter als die Industrie", stellte 3. Bürgermeister Hans-Jürgen Reitzenstein anerkennend fest. "Deswegen freuen wir uns, dass wir dieses Institut nach Sulzbach-Rosenberg holen konnten."

Sie sind hier immer einen Schritt weiter als die Industrie.Hans-Jürgen Reitzenstein, 3. Bürgermeister
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