Geretteter trifft Lebensretter
Erfüllt von riesiger Dankbarkeit

Erwin Gräml (Zweiter von links), Leiter der BRK-Bereitschaft Sulzbach-Rosenberg, führt vor, wie ein Defibrillator funktioniert. Diesem Gerät und dem beherzten Einsatz von engagierten Ersthelfern, darunter Christian Klier (links), hat Richard Ertl (Zweiter von rechts) es zu verdanken, dass er noch am Leben ist. Notarzt Dr. Timo Schmidt (rechts) brachte den erfolgreich reanimierten Patienten ins Klinikum St. Marien. Bilder: Huber (5)
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
23.12.2015
1020
0

Zum ersten Mal sitzt er ihm jetzt gegenüber, einem seiner Lebensretter. Voller Dankbarkeit blickt Richard Ertl ihn an. Auch für Christian Klier ist es ein emotionaler Moment: Er trifft zum ersten Mal den Mann, den er und sein Chef Robert Prechtl reanimiert haben.

An den 13. Juli kann sich Richard Ertl aus Kleinalbershof nicht mehr erinnern. Es ist seine Frau, die erzählen muss, was an diesem Sommertag passierte. Das Paar fuhr nach Vilseck, weil Richard Ertl sein Zweirad in eine Kfz-Werkstatt bringen wollte, um den TÜV machen zu lassen. Als das erledigt war, wollte ihr Mann nur noch schnell im Büro der Autowerkstatt die Papiere holen. Sie stieg ins Auto und fuhr schon mal nach Hause, er wollte mit dem Motorrad nachkommen. "Doch er kam nicht", sagt Gertraud Ertl. Was sie nicht ahnt: Ihr Mann bricht urplötzlich neben seinem Fahrzeug zusammen. Anzeichen dafür hatte es vorher nicht gegeben, keine Hitzewallungen, kein Unwohlsein, kein Schwindel - nichts, einfach gar nichts.

Aus heiterem Himmel


"Das kommt wie ein Blitz aus heiterem Himmel", sagt Erwin Gräml, der die BRK-Bereitschaft Sulzbach-Rosenberg leitet, über den plötzlichen Herzstillstand. Leistet niemand Erste Hilfe, stirbt der Betroffene. "Ihm war nicht schlecht, ihm hat gar nichts gefehlt", sagt Gertraud Ertl über ihren Mann. An Pfingsten war das Paar noch in der Sächsischen Schweiz, "da sind wir jeden Tag den Berg rauf". Kein Anzeichen dafür, dass ihr Mann Probleme mit dem Herzen haben könnte. "Das ist häufig so", weiß Erwin Gräml.

Christian Klier sitzt am Nachmittag des 13. Juli an seinem Schreibtisch und telefoniert, als sein Chef Robert Prechtl schreit: "Ruf einen Notarzt." Klier denkt erst, irgendwas ist in der Firma passiert. Doch draußen auf der Straße liegt Richard Ertl neben seinem Motorrad, sein Gesicht ist blau angelaufen. Klier setzt einen Notruf ab und stürmt aus dem Büro. Der Lehrling rennt und holt den Defibrillator, den die Firma ASK, bei der Klier beschäftigt ist, erst heuer angeschafft hat. "Ich habe mir immer nur gedacht: Wo bleibt denn der Notarzt?", sagt Christian Klier heute über diese Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkommen. Dr. Timo Schmidt, Anästhesist am Amberger Klinikum, hat an diesem Tag Dienst. Nicht im Krankenhaus, sondern als Notarzt des in Weiden stationierten und von der DRF-Luftrettung betriebenen Rettungshubschraubers Christoph 80.

Erstklassige Erste Hilfe

Helfen kann jeder"Helfen, helfen, helfen": So simpel lautet die Aufforderung von Erwin Gräml, Leiter der BRK-Bereitschaft Sulzbach-Rosenberg, an alle, die zu einem Notfall kommen. Er wünscht sich, die Leute würden regelmäßig ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse auffrischen. "Doch selbst wenn der Erste-Hilfe-Kurs schon 20 Jahre und länger zurückliegt, helfen kann jeder", sagt er. Notarzt Dr. Timo Schmidt unterstreicht dies. "Helfen ist immer sinnvoller als nicht zu helfen." Wer glaubt, dass Erste Hilfe hauptsächlich bei schweren Unfällen, zu denen man als Verkehrsteilnehmer zufällig dazukommt, zu tun hat, der irrt. "Die meisten Notfälle passieren im eigenen Umfeld", erklärt Erwin Gräml und zählt auf: in der Familie, im Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft, in der Arbeit, im eigenen Verein.

In vielen anderen Ländern herrsche eine ausgeprägtere Erste-Hilfe-Kultur als in Deutschland, zum Beispiel in Schweden. Trotzdem freut sich Gräml, dass mehr und mehr Wert auf Erste Hilfe gelegt wird. So lernen die Kleinsten im Kindergarten, wie sie einen Notruf absetzen und was zu tun ist, wenn jemand Hilfe braucht. (san)

Als in der Integrierten Leitstelle in Amberg der Notruf eingeht, hat er gerade einen Einsatz im Vilsecker Südlager beendet. Die Helikopter-Crew ist dabei, zum Flugplatz Latsch zurückzukehren. Die ILS verständigt die Besatzung, der Pilot dreht um und landet in Vilseck. "Die Ersthelfer haben eine vorbildliche Arbeit geleistet, wirklich erstklassig", lobt er das Engagement von Christian Klier und Robert Prechtl. "Ja wirklich", pflichtet ihm Erwin Gräml bei. "Sie haben das top gemacht."

Durch die Defibrillation hatten die Männer das Herz von Richard Ertl am Schlagen gehalten, ihm das Leben gerettet. Dr. Timo Schmidt stabilisiert den Mann, ein Rettungswagen aus Amberg bringt den Patienten ins Klinikum St. Marien. Dass Richard Ertl keinerlei Anzeichen für den lebensbedrohlichen Herzstillstand bemerkt hat, ist nicht ungewöhnlich, erklärt der Notarzt. "Bei Rhythmusstörungen hat man - wenn überhaupt - Schwindel." Anders sei es, wenn die Erkrankung in Richtung Herzinfarkt gehe: starke Schmerzen, Angst, kalter Schweiß, beklemmende Enge in der Brust.

In der BRK-Bereitschaft sitzen sich nicht nur der Gerettete und einer seiner Lebensretter gegenüber, sondern auch der Notfallmediziner und sein ehemaliger Patient. Auch Dr. Timo Schmidt freut sich sehr über diese Begegnung. "Ich bin seit 15 Jahren Notarzt und habe es in dieser Zeit nicht so häufig erlebt, dass ich mich hinterher so mit dem Betroffenen unterhalten kann wie jetzt mit Herrn Ertl ", sagt Schmidt und fühlt sich dadurch auch in einem bestätigt: In der Sinnhaftigkeit seiner Einsätze.

Richard Ertl lächelt, er ist erfüllt von einer riesengroßen Dankbarkeit. Die Ersthelfer haben ihm das Leben gerettet. Denn: Mit jeder Minute, in der jemand bei einem Herzstillstand nichts tut, sinkt die Überlebenschance des Patienten um zehn Prozent. "Falsch ist, wenn man nichts macht", sagt Ertl. Froh ist er, dass sich die Firma einen automatisierten externen Defibrillator (AED) angeschafft hatte, der so konzipiert ist, dass ihn auch Laien bedienen können. Das Gerät erkennt, ob das Herz aus dem Takt geraten ist. Ist dies der Fall, weißt es Ersthelfer an, per Knopfdruck einen Elektroschock abzugebgen, um den aus dem Rhythmus geratenen Herzschlag wieder in den richtigen Takt zu bringen.

Erste Hilfe aufgefrischt


"Wenn ihr keinen Defi gehabt hättet, würde es mich heute nicht mehr geben. Oder ich wäre schwer geschädigt", sagt der 59-Jährige zu seinem Lebensretter. Seine Frau nickt und blickt dankbar zu Christian Klier. "Unser Defi hat sich schon bezahlt gemacht", sagt der junge Mann. Und er ist froh, dass er erst kurz vorher einen Auffrischungskurs Erste Hilfe besucht hat. "Da sieht man, wie wichtig das ist", sagt er.

Automatisierter externer DefibrillatorEin automatisierter externer Defibrillator (AED) ist ein technischer Lebensretter, den insbesondere auch Laien sehr gut bedienen können. Dazu müssen auf den Brustkorb des Betroffenen, der einen Herzstillstand erlitten hat, zwei Elektroden aufgeklebt werden. Sind diese angebracht, macht das Gerät automatisch eine EKG-Analyse.

Liegt ein Herzkammerflimmern vor, fordert das Gerät den Ersthelfer auf, per Knopfdruck einen Elektroschock zu geben. Dieser Stromstoß soll das aus dem Takt geratene Herz wieder in seinen richtigen Rhythmus bringen. Angst, etwas falsch zu machen, müssen Ersthelfer laut Erwin Gräml, Leiter der Rotkreuz-Bereitschaft Sulzbach-Rosenberg, nicht haben. Denn: Das Gerät gibt die Anweisung zur Abgabe des Elektroschocks nur, wenn es erkannt hat, dass das Herz aus dem Takt geraten ist.

Gräml und seinen Mitstreitern vom Roten Kreuz ist es ein großes Anliegen, dass Defibrillatoren an öffentlichen Standorten vorhanden sind. Dafür engagieren sich laut Gräml auch die Raiffeisenbanken Sulzbach-Rosenberg, Auerbach-Freihung und Unteres Vilstal. Laut der Defi-App des Roten Kreuzes gibt es in Amberg und im Landkreis zwischenzeitlich 41 öffentlich zugängliche Defibrillatoren. 29 davon hat Erwin Gräml vermittelt. 20 der 41 Geräte betreut das Bayerische Rote Kreuz. (san)


Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.