Im Nationalpark Bayerischer Wald kehrt die Wildnis zurück
Borkenkäfer, Luchs und totes Holz

Inzwischen herrscht eitel Freude darüber, wie sich die Natur das Nationalparkgebiet zurückerobert. Bild: hfz

An die großflächigen, vom Borkenkäfer geschaffenen Totholzflächen müssen sich Besucher des Nationalparks Bayerischer Wald teils erst gewöhnen. Heute aber entsteht neue Wildnis. Der Wald darf alt werden und sterben und geht seinen eigenen Weg - nicht vorhersehbar, vielfältiger als vorstellbar, und immer wieder überraschend neu.

"45 Jahre natürliche Waldentwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald - Was haben wir gelernt?" Zu diesem Thema hatte der Bund Naturschutz (BN) eingeladen. Knapp 60 Zuhörer verfolgten in den Räumen der Volkshochschule im LCC den Vortrag von Dr. Marco Heurich, stellvertretender Leiter der Abteilung Ökologie, Zoologie, Naturschutz und Fernerkundung Bayerischer Wald.

Hartnäckiges Werben


Hubert Weinzierl, einst BN-Vorsitzender in Bayern, und der Zoologe Bernhard Grzimek warben Ende der 60er Jahre hartnäckig bei Staatsregierung und zuständigen Behörden für die Errichtung eines Nationalparks im Bayerischen Wald. 1970 wurde der erste deutsche Nationalpark Realität. Nach seiner Erweiterung 1995 umfasst er heute 24 000 Hektar. Mindestens auf 75 Prozent des Gebietes darf sich allmählich neue Wildnis entwickeln - ohne menschlichen Eingriff.

Minister Hans Eisenmann hatte mit dem vielzitiertem Ausspruch "Ein Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder" dem Nationalpark die Leitidee "Natur Natur sein lassen" vorgegeben. Seine Entscheidung, nach dem Gewittersturm im August 1983 die Windwurfflächen in der damaligen Reservatszone des Nationalparks nicht aufzuarbeiten, sondern der natürlichen Entwicklung zu überlassen, stellte noch in seiner Amtszeit die Weichen für die Naturwaldentwicklung im Nationalpark.

Ohne Eingriffe


Der Nationalpark schütze, so Heurich, eine für Mitteleuropa charakteristische, weitgehend bewaldete Mittelgebirgslandschaft mit natürlichen und naturnahen Ökosystemen als nationales Naturerbe für jetzige und künftige Generationen. So entwickeln sich die Wälder des Nationalparks ohne lenkende Eingriffe des Menschen langfristig wieder zu Naturwäldern. Dieses "Natur Natur sein lassen" biete immer wieder Anlass zu kontroversen Diskussionen.

Dieser Nationalparkwald zeige ein wahrhaft unabhängiges, selbstbewusstes Leben, seine Vergänglichkeit und das neue Werden, er offenbare seine von uns unabhängige Eigenständigkeit. "Windwurf, Borkenkäfer, Schneebruch, Rotwild, Luchs und Wolf, Weidenröschen und Soldanelle, Zunderschwamm, Zusammenbruch und undurchdringliche junge Wildnis, all dies ist dem Wald nicht fremd, sondern gerade dies ist der wilde Wald im Nationalpark", betonte der Referent. Nach jedem Sturmereignis vermehre sich der Borkenkäfer im Fichtenwald, nach heißen Sommern gar explosionsartig. Eine Bekämpfung könne dies nicht verhindern, sondern nur die Größenordnung des Befalls beeinflussen.

Sehr zögerlich


Lange sei debattiert worden, ob sich der Hochlagenwald zwischen Rachel und Lusen nach der Borkenkäfervermehrung je regenerieren werde. Zunächst sei die vom Käfer eingeleitete natürliche Verjüngung sehr zögerlich verlaufen: "Doch dann setzte eine Phase mit rasant zunehmender Waldverjüngung ein, mit 4502 Pflanzen pro Hektar fast doppelt so viel wie Forstbetriebe bei Aufforstung pflanzen."

Die letzte Waldinventur von 2011 zeige, dass der Bestand sich nicht nur ausreichend verjüngt habe, er sei messbar gewachsen und zugleich vielschichtiger geworden. Die neuen lichten Bereiche würden von vielen Tierarten als neuer Lebensraum besiedelt. Totholzbestände seien Lebensgrundlage für viele Arten, allein 14 Urwald-Reliktarten seien nachgewiesen worden. Großflächiger Lebensraum für Luchs, Auerhuhn, Habichtskauz, Ziegenmelker oder seltene Flechten und Moose habe sich entwickelt.

Eine andere Schlüsselart für naturnahe Ökosysteme stelle der Luchs dar. Obwohl dieser hohe Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung genieße, berge die Rückkehr dieses Raubtiers Konfliktpotential bei Interessensgruppen wie Schafhaltern oder Jägern. Das Reh sei wichtigstes Beutetier des Luchses und gleichzeitig Jagdwild für Menschen.

Bayerns Luchs-Population sei akut gefährdet. Seit Jahren würden die streng geschützten Tiere illegal getötet. Das Verschwinden sei dokumentiert: "Die Häufigkeit der Fälle und viele weitere Hinweise zeigen klar und deutlich, dass es sich um vorsätzliche Wilderei handelt, mit dem Ziel, Luchse wieder auszurotten", redete der Referent Klartext. Der Bestand im Nationalpark sei gering. Die Überlebensrate sinke mit steigender Distanz zum Schutzgebiet.
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