Intensiv pflegen – intensiv leben: Wie Intensivpflegerin Evelyn Durkin schwerstkranken Menschen existenzielle Perspektiven aufzeigt
Von täglichen Wundern

Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
13.01.2016
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Evelyn Durkin hat Wunder erlebt. Menschen gesehen, deren Organsysteme versagt haben, kaum mehr einen Blutdruck hatten, nicht mehr ansprechbar waren – dem Tod näher, als dem Leben. Und dann das Wunder. Dank Intensivmedizin, die Richtungswende: zurück ins Leben. Alltägliche Wunder auf der Intensivstation. Doch Wunder haben manchmal ihren Preis. Wie weiterleben als Mensch, der nach einem Unfall rund um die Uhr intensiv gepflegt werden muss? Mit einer Trachealkanüle in der Luftröhre, um atmen zu können? Nicht leben, nicht sterben können. Austherapiert im Krankenhaus, wie geht es jetzt bloß weiter? Evelyn Durkin hat eine Entscheidung getroffen. Sie will inmitten des hektischen Klinikalltags die Empathie gegenüber Patienten und Angehörigen nicht verlieren. Sie will Zeit haben für diese Menschen, sie kennenlernen – und dadurch ganz individuelle Perspektiven für das zukünftige Leben aufzeigen. Evelyn Durkin wechselt in die ambulante Intensivpflege. Sie weiß: „Jedes Leben lohnt, gelebt zu werden.“

Wir sitzen über den Dächern von Sulzbach-Rosenberg. Evelyn Durkin hat sich frischen Tee aufgebrüht. Ein schwieriges Gesprächsthema in einem entspannten Umfeld der ambulanten Intensivpflege ape. Am Ende der Unterhaltung überlegt die Pflegedienstleiterin kurz, umso deutlicher dann ihre Antwort: „Doch, ja, ich würde diesen beruflichen Weg wieder so gehen.“

Es sind diese spannenden Fälle, diese seltenen Krankheiten, die Evelyn Durkin schon als junge Krankenschwester interessieren. Faszinierend, dass Menschen mit lebensbedrohlichen Zuständen auf die Intensivstation kommen und dank Intensivmedizin und Intensivpflege einige Zeit später wieder gesund entlassen werden können. Doch eine Intensivstation ist auch Ort menschlicher Schicksale. Unfallopfer mit Schädel-Hirn-Trauma und Querschnittslähmung – Menschen, deren Leben fortan gänzlich neu gestaltet werden müssen drohen gerade anfangs daran zu zerbrechen. Als Fachkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie hört Evelyn Durkin immer wieder diesen Satz: „Ich will nicht mehr leben, ich will sterben.“ Allerdings stecken dahinter nicht selten starke Schmerzen oder akute Atemnot, die zur Resignation führen. „In diesen Fällen konnten wir sehr gut helfen, und eine Lebensperspektive erschien den Betroffenen nicht mehr ganz so unerreichbar.“

Außerklinische Intensivpflege
Außerklinische Intensivpflege ist der nächste Schritt, wenn kein akuter, medizinischer Grund mehr gegeben ist, dass Menschen auf der Intensivstation einer Klinik verbleiben müssen – dennoch aber weiterhin intensive Betreuung und Pflege notwendig sind. Vielfältige Krankheitsbilder können eine außerklinische Intensivpflege notwendig machen. Neben hohem Querschnitt, Wachkoma, Tumorerkrankungen, Schädel-Hirn-Traumata sowie Apallischem Syndrom und Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) sind weitere mögliche Indikationen: fortgeschrittene neurologische oder pneumologische Grunderkrankungen wie
zum Beispiel lebensbedrohliche Störung der Atmung. Die Überwachung und Betreuung einer maschinellen Beatmung oder Trachealkanüle erfordern hohe intensivpflegerische Kompetenz.

Inneres Ringen mit der eigenen Empathie

In dieser Zeit, in den Jahren auf der Intensivstation, stellt Evelyn Durkin zunehmend eine Veränderung bei sich fest. Ertappt sich beim innerlichen Ringen, die empathie nicht zu verlieren. Natürlich weiß sie als geschulte Fachkrankenschwester, dass sie sich nicht jedes Patientenschicksal zu sehr zu Herzen nehmen darf, sie könnte dann schlichtweg ihre Arbeit nicht mehr professionell ausüben – und trotzdem: „Ich spürte, wie ich zunehmend die Relation verloren habe. Mein Wunsch war es, den Menschen neben medizinisch-pflegerisch, auch emotional stärker zu helfen, ihnen neue Lebensmöglichkeiten aufzuzeigen, das ist auf der Intensivstation eines Krankenhauses schwierig.“ Manche Patienten habe sie ein halbes Jahr gepflegt, ohne je deren Stimmen gehört zu haben. Für Evelyn Durkin ist der Schritt zur ambulanten Intensivpflege in speziellen Wohneinrichtungen oder im eigenen Zuhause der Betroffenen nicht mehr weit.

Die Augen als Brücke zur Außenwelt

„Ein Mensch, der im Wachkoma liegt, muss nicht zwingend unglücklich sein – es sind die Augen, die verraten: In diesem oder jenem Moment ist gerade jemand glücklich und zufrieden.“ Diese Mimik und Gestik richtig zu deuten und auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen, die Zeit, die dafür notwendig ist – in der ambulanten Intensivpflege ist sie vorhanden. „Bei uns gibt es keine Menschen, die austherapiert sind, vielmehr steht individuelle Rehabilitation im Vordergrund. Das Abtrainieren der Trachealkanüle ist ein wichtiges Ziel, damit die Menschen wieder selbstständig atmen können.“ Doch auch wenn dies noch nicht gelungen ist, sind Ausflüge mit den Schwerstkranken ins Fußballstadion oder auf den Christkindlmarkt möglich. Natürlich unter ständiger Beobachtung und entsprechender Medizintechnik wie Beatmungsgerät, doch der Wunsch, den Menschen die
Möglichkeit zu bieten, wieder aktiv am Leben teilzunehmen, wird Realität. „Wir beschäftigen uns intensiv mit der Vita des Betroffenen, wollen wissen, was ihm früher Spaß gemacht hat, was ihn interessiert hat, darauf stimmen wir sein neues Leben ab.“

Menschen ihre Würde zurückgeben

Dass gerade die Sonne durch die großen Fenster der ape in Sulzbach-Rosenberg
scheint, ist schön – aber nicht allzu wichtig. „Wer Menschen, deren Leben sich
nach schicksalhaften Erlebnissen dramatisch verändert haben, intensiv pflegt,
verändert sich“, sagt Evelyn Durkin. „Ein regnerischer Tag, ein ärgerlicher Stau,
alles ist letztendlich unwichtig. Morgens ohne fremde Hilfe aufstehen können,
seinen Alltag bewältigen können, das zählt; denn es geht um nicht weniger,
als um das Leben selbst. Erst wenn die eigene Freiheit und Selbstständigkeit
verloren gegangen sind, werden sie auf sehr schmerzliche Weise vermisst.“ Evelyn Durkin will diesen Schmerz lindern, durch das Aufzeigen von neuen Perspektiven im neuen Leben. „Es ist wichtig, den Menschen ihre Würde zurückzugeben.“ Für die Pflegedienstleiterin und ihrem Team beginnt dies mit Begrifflichkeiten. Menschen in der Obhut von ape sind keine Patienten – sie sind Klienten.

Text und Foto: Norbert Eimer