Iranerin nimmt Lehre als Versicherungskauffrau auf
Flucht in den Traum

Überglücklich zeigt sich Shiva K., dass sie in der Bezirksdirektion der Gothaer-Versicherung von Klaus Wilde im ehemaligen Zentralbüro eine Ausbildung zur Versicherungskauffrau absolvieren darf. Bilder: Royer (2)
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Sulzbach-Rosenberg
19.10.2016
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"Das mache ich sehr gerne, denn ich bin sehr glücklich, dass ich diese Chance hier bekommen habe." Zitat: Shiva K.

Sie mussten Hals über Kopf aufbrechen, um ihr Heimatland zu verlassen. Staatliche Stellen waren in Teheran auf Familie Karimi aufmerksam geworden, da sie sich islamkritisch äußerte. Die Wahl lautete also Gefängnis oder Flucht? In Deutschland sollte dann ein Neuanfang gelingen. Shiva K. bekam ihre große Chance im früheren Zentralbüro.

Ihr Leben im Iran sei über viele Jahre wirklich nicht schlecht gewesen. Im Gegenteil, aufgrund der sozialen Stellung ihres Mannes, der einer angesehenen Familie angehört, fühlte man sich in Teheran zur Oberschicht gehörig, erläutert die 41-jährige Iranerin. Ihr Mann J. Karimi gehörte zwar als protestantischer Freikirchler zu einer Minderheit - seine Frau nahm diesen Glauben nach der Heirat an - aber der Staat toleriert durchaus die Existenz anderer Religionen.

Das islamische Mullah-System lehnte die Familie zwar im Stillen ab, aber andererseits konnte sie weiterhin einen gewissen Wohlstand genießen. Shiva arbeitete als Versicherungsmanagerin mit Hochschulabschluss, ihr Mann als erfolgreicher Handelsvertreter. Alles schien für die Familie, die auch einen großen Freundeskreis pflegte, positiv zu laufen. Doch ein paar islam- und regierungsfeindliche Zeilen sollten die Situation radikal verändern.

Kritik geäußert


J. Karimi verfasste für sich Aufzeichnungen, mit denen er seine Gedanken zur aktuellen Lage und zur Politik im Iran festhielt. Dabei schlug sich auch immer wieder Kritik nieder. Eines Tages stieß seine Frau auf diese kurzen Aufsätze. Kurzerhand brachte sie ein solches Schriftstück zu ihrer Freundin, um sich mit ihr darüber zu unterhalten. Fatalerweise blieb das Schreiben bei der Bekannten. Bei einer Hausdurchsuchung aus anderem Anlass fiel es den Behörden in die Hände. Es dauerte nicht lange, bis der Verfasser bekannt war. Die Geheimpolizei nahm die Spur der Familie Karimi auf. Nur durch Warnungen von Freunden, Ratschlägen eines Anwalts und bestochenem Flughafenpersonal gelang 2013 in letzter Minute die Ausreise nach Deutschland, wo die Familie - mit dabei war auch die damals sechsjährige Tochter - Asylantrag stellte.

Von ihrer ersten Station Hamburg führte der Weg nach Zirndorf zur Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, dann ging es ins Asylbewerberheim nach Amberg und schließlich in eine Wohnung nach Hirschau. Ein Stein fiel der sympathischen Iranerin vom Herzen, als sie durch Vermittlung der ISE-Berufsbildung Amberg einen Ausbildungsplatz bei der Gothaer-Bezirksdirektion von Klaus Wilde, Hauptstraße 51, im ehemaligen Zentralbüro erhielt. Dort wird die 41-Jährige nun seit 1. September zur Versicherungskauffrau ausgebildet. Dass sie in dieser Branche bereits einen Bachelor - abgelegt in Teheran - , in der Tasche hat, hilft ihr natürlich bei ihrem Neuanfang in Deutschland sehr. Fast ausschließlich wegen sprachlicher Barrieren muss die 41-jährige Migrantin noch einmal von der Pike auf lernen.

"Das mache ich sehr gerne, denn ich bin sehr glücklich, dass ich diese Chance hier bekommen habe. Dafür danke ich Herrn Wilde ganz besonders, der mich fördert, unterstützt und viel Geduld mit mir hat." Und auch der Lehrherr äußert sich positiv: "Es ist wirklich sensationell, mit welch großem Engagement und Eifer sie ihre Ausbildung angeht. Sie lernt auch zu Hause sehr viel, ich denke, dass bei ihr so täglich gut 16 Stunden Lernzeit zusammenkommen", merkt Klaus Wilde beim Pressegespräch an.

Änderungen gewünscht


Viel Lob hat er auch für Helmut Albrecht (ISE Amberg), das Jobcenter und die IHK übrig, die bei der Vermittlung und den vorangehenden Schulungen sowie Kursen für Asylbewerber enormen Einsatz zeigen. Für den Bezirksdirektor biete sich so eine sehr gute Plattform für gelebte Integration von Flüchtlingen, die auch von anderen Firmen nachgeahmt werden sollte. Wenig hilfreich, so der Versicherungsagentur-Chef weiter, sei allerdings, dass manche Asylbewerber, wie eben auch die Familie Karimi, in den ersten beiden Jahren in Deutschland vor ihrer Anerkennung keine Deutschkurse besuchen konnten. "Hier muss sich dringend etwas ändern, damit die Integration nicht ins Stocken gerät."

Doch auch diese Hürde ist mittlerweile für Shiva genommen. Ihr Mann hat Arbeit in einem Betonwerk gefunden, könnte sich aber vorstellen, wieder in seinem früheren Beruf tätig zu sein. "Wir können nicht in den Iran zurück. Deshalb haben wir das dortige System hinter uns gelassen und etwas Neues begonnen. Ich danke Herrn Wilde für die Hilfe, denn ich habe mir nicht vorstellen können, dass dieser Traum wahr wird", resümiert Shiva K. gerührt.

Das mache ich sehr gerne, denn ich bin sehr glücklich, dass ich diese Chance hier bekommen habe.Shiva K.


Hintergrund1925 bis 1979: Regentschaft der Pahlavi-Schah-Dynastie.

1979: Islamische Revolution und Sturz des Schahs. Ajatollah Chomeini kehrt aus dem Exil zurück. 1. April offizielle Ausrufung der Islamischen Republik Iran.

1989: Tod Ajatollah Chomeinis. Der Geistliche Ali Chamenei wird sein Nachfolger als Revolutionsführer. Revision der Verfassung: Politische und geistliche Führung werden getrennt.

2013: Hassan Rohani Staatspräsident der Republik Iran. (oy)
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