Junge Asylbewerber im Berufsbildungszentrum der Maxhütte Technologie
Zukunft fest im Schraubstock

Er ist einer der fleißigsten Kursteilnehmer: Mohammed aus Basra im Irak (rechts) macht seine Ausbildung in der Hauptwerkstatt viel Freude. Vormittags lernt er auch erfolgreich Deutsch. Bilder: Gebhardt (2)
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
30.09.2016
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Sie formten ein erfolgreiches neues Projekt: Wolfgang Eichenseer (MHT), Peter Blendowski und Elzbieta Sperl (ISE), Franz Elsner (Agentur für Arbeit) und Stefan Haberberger vom Berufsbildungszentrum.

Der Iraker hilft dem Iraner, der Ukrainer scherzt mit dem Russen, der Syrer arbeitet Hand in Hand mit dem Nordafrikaner: Die Welt ist in Ordnung in der alten Hauptwerkstatt. Im Berufsbildungszentrum der Maxhütte Technologie erfahren junge Flüchtlinge die ersten Grundlagen der Metallbearbeitung. Und nebenbei lernen sie auch noch Deutsch.

Die Idee ist hervorragend, und sie kam von der Maxhütte Technologie: Das Unternehmen betreibt das bekannte Berufsbildungszentrum (BBZ) im ehemaligen Maxhütten-Gelände. Die MHT gehört zur Max-Aicher-Stiftung, die sich die berufliche Fortbildung groß auf ihre Fahnen geschrieben hat und in Freilassing eine eigene Akademie betreibt. Im BBZ werden Auszubildende diverser Metall- und Elektro-Berufe geschult, bisher nur aus Industriebetrieben und Firmen der Region.

Geschäftsführer Wolfgang Eichenseer und Ausbildungsleiter Stefan Haberberger entwickelten nun die Idee, auch junge Asylbewerber ans Berufsleben heranzuführen. Sie schmiedeten erfolgreich eine Kooperation mit der Agentur für Arbeit und dem ISE-Sprach- und Berufsbildungszentrum.

Metall und Sprache


Nach der aufwendigen Zertifizierung durch den TÜV Süd ist nun der erste Kurs "Metallbearbeitung mit berufsbezogenem Sprachkurs" , gefördert von der Agentur für Arbeit, mit 14 Teilnehmern aus dem Landkreis und der Stadt Amberg gestartet - die Sache lässt sich gut an.

Kommen Asylbewerber aus unsicheren Ländern wie etwa Syrien, so können sie vom ersten Tag ihres Anerkennungsverfahrens an arbeiten. Wie Franz Elsner, Geschäftsstellenleiter der Agentur für Arbeit Amberg, bei der Vorstellung des Projektes erklärte, sei es hier gelungen, den Effekt eines klassischen Sprachkurses mit dem Metall-Grundkurs zu verbinden: Vormittags Deutsch lernen, nachmittags an den Schraubstock.

"Dies ist die erste Stufe der Integrationskette, das ist die Integration, die wir wollen", merkte Franz Elsner stolz an. Nach zwölf Monaten könne man versuchen, die jungen Leute, die dann passabel Deutsch sprechen, eventuell schon mal auf der Helferebene in Betrieben unterzubringen.

Sie könnten dann auch in einen Integrationskurs einsteigen, den sprachlichen B1-Abschluss und später eine Ausbildung anstreben. "Wichtig ist, ihnen zu vermitteln, dass sie vom ersten Tag an in ihre Zukunft investieren müssen!", mahnte Elsner.

Geschäftsführer Peter Blendowski vom ISE bezifferte den Anteil des Sprachunterrichtes auf etwa 40 Prozent. Zehn Monate laufe der Kombinationsunterricht, zwei Monate Praktikum schlössen sich an. Er berichtete von der Entwicklung sozialer Kompetenz zwischen den Asylbewerbern, vom zunehmenden Verständnis der Geschichte, von gegenseitiger Achtung. "Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig", bestätigte auch Elzbieta Sperl vom ISE.

Fleißige Arbeiter


BBZ-Leiter Stefan Haberberger führte die Gäste bei der Vorstellung in die alte MH-Hauptwerkstatt, wo die Gruppe arbeitet. Freundliche junge Männer, eifrig bei der Arbeit und sehr fleißig, wie Ausbilder Matthias Herrmann bestätigt. "Ist eine halbe Stunde Pause angesagt, stehen die ersten schon nach 15 Minuten wieder am Arbeitsplatz!"

Und schon raspelt es wieder in der Hauptwerkstatt an den Schraubstöcken: Junge Menschen feilen hier mit Hingabe an ihrer Zukunft.

AngeboteEin weiterer Kurs dieser Art sei jederzeit möglich, boten die Verantwortlichen an: Junge Asylbewerber, aber auch andere Interessenten, könnten einen solchen Metall- und auch Elektrokurs mit Sprachbegleitung besuchen. Anmeldungen nehmen die MHT (09661-600), das ISE (09661-81 470) oder die Agentur für Arbeit (0800-455 55 00) entgegen.

Gesucht werden außerdem Betriebe, die Praktikanten aufnehmen, idealerweise mit Absicht auf spätere sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. (ge)


Das ist die Integration, die wir wollen.Franz Elsner, Agentur für Arbeit


Angemerkt von Joachim Gebhardt: Das Glück im GriffEngagement vom ersten Tag an: Junge Asylbewerber nutzen die Chancen, die ihnen unser Land bietet. Sie wollen Deutsch lernen und hier arbeiten. Industrie und Handwerk suchen laufend solche Kräfte - im Berufsbildungszentrum stehen die Ersten nun bald bereit.

Der MHT ist hier gemeinsam mit ihren Partnern ein großer Wurf gelungen: Vormittags Deutschkurs, nachmittags Werkstatt. Und am Ende vielleicht ein Job. Das kompetente Berufsbildungszentrum ist ein wertvoller Schmuckstein in der Integrationskette geworden. Vielleicht ist das die Zukunft für die Region: Ausbilden statt abschieben.

Wer sieht, mit welcher Hingabe die jungen Männer aus vielen Ländern gemeinsam arbeiten, Vorurteile überwinden, die ihnen in die Wiege gelegt wurden, sich gegenseitig freundlich grüßen, sich bei der Arbeit helfen, der verspürt ein bisschen Hoffnung. Dass es doch noch nicht zu spät ist auf dieser Welt, dass der Glauben an die Menschheit trotz aller Kriege und Mordtaten noch eine Zukunft hat. Und wenn sie am Schraubstock beginnt.
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