Kapsel-Endoskopie jetzt auch im St.-Anna-Krankenhaus in Sulzbach-Rosenberg möglich
Bilderjagd im Verdauungstrakt

10 bis 16 Stunden ist die Kapsel im Körper des Patienten unterwegs. Wenn sie längst in der Toilette gelandet ist, müssen die Ärzte bis zu 50 000 Fotos auswerten. Bild: hfz
Vermischtes
Sulzbach-Rosenberg
14.07.2016
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Das Körper-Raumschiff ist nicht größer als eine Pille. An Bord hat es eine noch winzigere Kamera. Dessen Reise durch den Verdauungstrakt beginnt, wenn der Patient das kleine Ding geschluckt hat. Die Passage durch eine Unzahl von Windungen dauert mehrere Stunden und fördert Tausende von Bildern zutage. Solche Untersuchungen sind nun in der St.-Anna-Klinik in Sulzbach möglich.

Seit Jahrzehnten betreibt das Krankenhaus schon die Endoskopie: die Ausspiegelung des oberen (Speiseröhre, Magen, Zwölffingerdarm) und des unteren (Enddarm, Dickdarm, Krummdarm) Verdauungstraktes. "Aber zwischen dem oberen Dünndarm und seinen tiefsten Abschnitten, am Übergang zum Dickdarm, klaffte bislang eine diagnostische Lücke", heißt es in einer Mitteilung aus der Klinik, "die Röntgenmethoden und Kernspintomographie nicht befriedigend zu schließen vermögen."

Sonst ungeklärt


"Standard-Endoskopien verlieren keineswegs an Bedeutung; sie bleiben unverzichtbar - für Vorsorge, Diagnostik und Therapie. Wir können nichts ersetzen von dem, was wir bisher bereits an Inspektionsverfahren anbieten. Wir benötigen aber eine Erweiterung unseres Untersuchungsspektrums. Zahlreiche Blutungen bleiben sonst ungeklärt. Manch eine Darmentzündung entzieht sich womöglich ihrer Entdeckung oder doch zumindest einer zuverlässigen Einschätzung ihrer Ausdehnung und ihrer Aktivität. Therapieentscheidungen fallen nicht so fundiert aus, wie wir dies heute verlangen müssen, vielerlei Erkrankungen und auch Therapienebenwirkungen finden nicht einmal Erwägung - ohne das Licht der Kapsel und die durch sie gewonnen Bilder." Dies erläutern der Leiter der Gastroenterologieabteilung Dr. Sebastian Reichenberger und sein Oberarzt Dr. Carsten Schwab unisono.

Zwei Bilder in der Sekunde und eine Passagezeit von sechs bis acht Stunden: Das ergibt Tausende Bilder aus dem Verdauungssystem. Sie werden aufgenommen durch eine kleine Photolinse in einer Kapselkamera und an ein Rekorder-System gefunkt, das sich - von einem Gurt gehalten - spazieren tragen lässt. Diese Informationsfülle steht für eine hohe Wahrscheinlichkeit, vermutete und auch unerwartete Darm-Alterationen erfassen und Erkrankungen beweisen oder ausschließen zu können.

Die Detailflut verlangt eine ausgefeilte technische Unterstützung durch moderne Datenverarbeitungsprogramme. Sie bedeutet vor allem einen hohen Arbeitsaufwand bei der Auswertung, erfordert also Zeit, Ausdauer, Konzentration, Akribie und Erfahrung spezialisierter Fachärzte.

"Ohne qualifiziertes ärztliches Fachpersonal wäre kein Startschuss gefallen!" sind sich die Vorstände Klaus Emmerich und Roland Ganzmann einig. "Diese Methode bedeutet einen Investitionsaufwand von rund 20 000 Euro." Da habe es sich gut getroffen, dass Dr. Reichenberger in einer früheren Anstellung bereits einmal ein Kapsel-Endoskopie-Projekt mit aufbauen durfte.

Zudem wurden auch in Sulzbach-Rosenberg Erfahrungen gesammelt mit der Kapsel-Endoskopie, in Kooperation mit einer großen Klinik in Fürth. Es folgten Tests verschiedener Hersteller, Schulungen für das Assistenzpersonal, organisatorische Vorbereitungen - und dann gab es "grünes Licht". "Wir müssen dieses Projekt ganz in eigener Regie betreiben, selbst planen, selbst Feinjustierungen erarbeiten, selbst auswerten. Dies wird uns zu einem Qualitätssprung verhelfen."

Chirurgie nie abseits


Dieser Optimismus trägt das Ärzteteam. Nicht nur die Internisten, sind durch die innovative Untersuchungsmethode motiviert. Auch die Abteilung für Abdominal- und Viszeral-Chirurgie, unter Chefarzt Dr. Walter Luyken, lobt die Methodenausweitung: "Bei einem Schritt hin zur modernen Medizin und zur verfeinerten Diagnostik steht die Chirurgie nie abseits. Wir arbeiten sehr gut mit unseren Gastroenterologen zusammen und werden aus internistischen Fortschritten auch für unsere Patienten großen Nutzen ziehen."

Von dieser Zuversicht ließ sich der Förderverein St.-Anna-Krankenhaus anstecken. Er beteiligte sich großzügig an der Finanzierung. Dafür gab es Dank aus der Klinik.

Zahlen und Fakten20 Patienten haben bisher im St.- Anna-Krankenhaus eine Kamera verschluckt. Das Verfahren wird seit Anfang des Jahres angewandt. Deutschlandweit wird mit dieser Methode seit über zehn Jahren gearbeitet. Sobald die 500 bis 600 Euro teure Kapsel aus der Verpackung genommen wird, beginnen die Aufnahmen. Mit einem Schluck Wasser verschwindet sie im Inneren des Menschen und durchwandert Speiseröhre, Magen, Dünn- und Dickdarm. (ben)
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