Sulzbach-Rosenberger Unternehmen ziehen nach einem Jahr Mindestlohn Bilanz
Kein Zoff um Mindestlohn

Vielen Arbeitnehmern beschert der Mindestlohn mehr Geld. Für Unternehmen bedeutet die Regelung oft eine Umstrukturierung. Symbolbild: dpa
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Sulzbach-Rosenberg
17.02.2016
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Der Mindestlohn ist gerechtfertigt. Unter diesem Betrag würde ich die Arbeit auch nicht machen.

Angemessene Bezahlung für gute Arbeit - seit dem 1. Januar 2015 gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde. Was etlichen Arbeitnehmern mehr Lohn bescherte, zwang viele Firmen zur Umstrukturierung. Experten prognostizierten den Verlust Tausender Arbeitsplätze. Nach gut einem Jahr ziehen örtliche Unternehmen erste Bilanz.

Christine Holbaum, Inhaberin von "City Taxi" blickte dem Mindestlohn mit gemischten Gefühlen entgegen. "Meine Fahrer haben jetzt weniger Geld als vor der Einführung. Wir haben ihnen sieben Euro plus Provision bezahlt - diese fällt jetzt weg." Zwar sei der Unterschied nicht groß, "doch auch 50 Euro weniger merken unsere Mitarbeiter". Auch die Angestellten hätten den Mindestlohn nicht befürwortet - sich aber damit arrangiert. "Jetzt wissen sie wenigstens immer genau, wie viel Geld sie am Ende des Monats auf dem Konto haben werden."

Fahrer schwer zu finden


Nicht der Mindestlohn, sondern die damit einhergehende Acht-Stunden-Regelung sei das größte Problem für das Unternehmen "City-Taxi" gewesen. "Früher fuhren unsere Mitarbeiter zwölf Stunden - das war nun nicht mehr möglich." Die Taxi-Firma benötigte schnell neue Fahrer - was nicht nur finanzielle Herausforderungen für die Chefin mit sich brauchte: "Viele Leute wollen Taxi fahren, doch nur die wenigsten sind bereit, den Schein dafür zu machen. Gute Leute zu finden ist kaum möglich", bedauert Holbaum.

Deshalb sei das erste Halbjahr nach Einführung des Mindestlohns "der reinste Horror" für die Inhaberin und ihre Angestellten gewesen. "Wir machten unzählige Überstunden, um die fehlenden Kräfte auszugleichen. Wir können das Unternehmen nicht einfach für ein paar Stunden pro Tag schließen", erklärt Christine Holbaum. Auch die Überstunden seien mit dem Mindestlohn bezahlt worden, "aber nach Anzug der Steuern bleibt kaum etwas übrig".

Skepsis verschwunden


Mittlerweile habe sich die Situation gebessert. Das Unternehmen beschäftigt nun zehn Fahrer - drei mehr als zuvor. Auch Holbaums Skepsis gegenüber dem Mindestlohn sei verschwunden. "Ich stehe der Sache jetzt positiv gegenüber. Wer arbeitet, soll auch Geld verdienen. Auch meine Fahrer sind mit der Situation zufrieden." Im Gasthaus Zum Wulfen in Kauerhof sei die Einführung des Mindestlohnes "kaum spürbar" gewesen. "Wir haben unseren Mitarbeitern schon vorher ein entsprechendes Gehalt bezahlt, deshalb hat sich für uns nicht viel geändert", erklärt Yvonne Bauer, Mitinhaberin und Leiterin des Büros. Dennoch befürwortet sie die Regelung. "Es ist gerecht, dass Menschen für ihre Arbeit entsprechend bezahlt werden. Das steigert auch die Arbeitsmoral." Ähnlich verlief die Umstellung bei der Brauerei Sperber. "Wir sind mit den Löhnen unserer Mitarbeiter sowieso jedes Jahr um 50 Cent oder einen Euro nach oben gegangen. Vor dem Mindestlohn bezahlten wir ihnen acht Euro, deshalb war es für uns keine große Sache", erklärt Inhaberin Hermine Sperber.

Dennoch hätte sie die Preise etwas anheben müssen, um die höheren Löhne ausgleichen zu können. "Manche Kunden ärgern sich darüber, aber anders geht es nicht." Negativ bewertet sie die Dokumentationspflicht der Arbeitsstunden ihrer Mitarbeiter. "Diese Aufgabe nimmt viel Zeit in Anspruch - da könnte ich sinnvollere Dinge erledigen. Aber es ist nötig, denn der Zoll kontrolliert uns. " Der Mindestlohn aber sei sinnvoll und notwendig gewesen.

Erhöhung auf zehn Euro


"Es ist gerechtfertigt wegen der Arbeitszeiten und der Aufgaben meiner Angestellten. Unter diesem Betrag würde ich diese Arbeit auch nicht machen", betont die Inhaberin. Sie hält es für wahrscheinlich, dass der Mindestlohn bald angehoben wird, auf neun, möglicherweise zehn Euro. "Das sollte langsam passieren - nur so können wir uns darauf einstellen."

Kerstin Buber, Inhaberin des gleichnamigen Frisörsalons, war von Anfang an für den Mindestlohn. "Ich habe vor allem an meine Mitarbeiterinnen gedacht. Sie verdienen es, mehr Geld für ihre Arbeit zu bekommen", erklärt sie. Auch sie musste die Preise für Haarschnitte erhöhen, um die zusätzlichen Kosten stemmen zu können. Kurz vor der Umstellung bekam sie Bedenken. "Ich bin die Eigentümerin. Was, wenn doch nicht alles klappt? Ich musste mich auch überwinden, eine neue Preisliste für unsere Kunden zu schreiben."

Der richtige Weg


Doch der Umbruch lief reibungslos. Zwar hätten sich Kunden über die Erhöhungen beschwert, aber "das gab es auch vorher". Kerstin Buber steht immer noch hinter der Regelung. "Wir sind damit auf dem richtigen Weg. Frisöre finden kaum noch Lehrlinge, das ändert sich, wenn sie mehr Geld verdienen", ist sie sich sicher.

"Es ist leider so, dass der Lebensunterhalt sehr teuer ist. Mit sechs Euro kann man keine Familie ernähren - deshalb finde ich den Mindestlohn unumgänglich", betont die Sprecherin einer Gebäudereinigungsfirma. Aktuell arbeiten die rund 40 Angestellten für einen Stundenlohn von 9,80 Euro, "also 1,30 Euro über Mindestlohn-Niveau".

Allerdings solle ein gesetzlich festgelegter Lohnanspruch auch Grenzen haben, betont die Sprecherin. "Wir sind Dienstleister. Wir können die Kosten für unsere Kunden nicht unangemessen erhöhen. Wenn keine Nachfrage mehr besteht, weil wir zu teuer sein müssen, können wir auch unsere Angestellten nicht mehr bezahlen. Mehr als zehn Euro wäre für viele Unternehmen nicht mehr tragbar." Problematisch sei das Verhältnis zwischen Lohnerhöhung und den steigenden Lebenserhaltungskosten. "Man kann sich nicht mehr für sein Gehalt leisten, wenn alles andere auch teurer wird."
Der Mindestlohn ist gerechtfertigt. Unter diesem Betrag würde ich die Arbeit auch nicht machen.Hermine Sperber, Inhaberin Brauerei Sperber
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